Zufrieden zündet sich Max Ras einen Stumpen an, streicht mit der Linken durch sein schütteres Haupthaar, der Haaransatz ist für einen 38-Jährigen schon ziemlich weit nach hinten gerückt, zieht sein massgeschneidertes Veston aus, das er an den stummen Diener hängt, setzt sich und geniesst seinen Erfolg. So könnte man sich die Szene vorstellen.

Januar 1927: Ras ist der neue Shootingstar der Schweizer Presse. Eben sind die ersten 660'000 Beobachter-Exemplare ausgeliefert worden, Ras ist Verleger, Redaktor, Inseratenakquisiteur und Aktionär in einer Person. Eine Million Franken steht auf dem Spiel, und er, der Schachspieler, hat die Partie, wenn nicht schon gewonnen, so doch mit einem starken Eröffnungszug zu seinen Gunsten gelenkt: Er hat die grösste Gratiszeitung der Schweiz lanciert. Seine Idee: Eine Monatszeitschrift, finanziert mit Reklame, soll in alle Deutschschweizer Haushaltungen gestreut werden, anfänglich gratis, später als kostenpflichtige Abonnentenzeitung.

80 Jahre Kampf für Schwache
Der Beobachter benannte und benennt Missstände und Machtmissbrauch. Dies sei zum Jubiläum an drei Beispielen aufgezeigt: am Kampf gegen staatliche Willkür, an der Opferhilfe-Initiative und am Skandal um die «Kinder der Landstrasse» (siehe «Nebenartikel»).

Die Verleger sind sauer Dass der Beobachter überhaupt erscheint, ist aber alles andere als selbstverständlich. Sein Gegner ist mächtig - und ziemlich wütend. Ginge es nach dem Schweizerischen Zeitungsverlegerverein, wäre der Beobachter nie auf den Markt gekommen. Allein die Höhe der Auflage erscheint den etablierten Verlegern als Zumutung. Ras wildert in Claims, die bereits abgesteckt sind - und er will sein Stück vom Inseratenkuchen. «Fort nun mit der Langmut und Geduld! Das Inserat gehört in die bodenständige Textpresse, weil die Unabhängigkeit und Freiheit der Meinungsäusserung unserer Presse durch Schleuderzeitungen und Gratisinseratenblätter in Frage gestellt wird», donnert es vom Olymp der Zeitungsverleger. Erstaunlich, in welch alter Frische das Argument, die Gratiszeitungen schaufelten der so genannt seriösen Presse das Grab, heute wieder auflebt.

Die Konkurrenz schaltet auf knallhart Die seriöse Presse jedenfalls hat keine Lust auf Wettbewerb. Max Ras schon. Er ist ein pragmatischer Unternehmertyp, hat das Feuer des Aufsteigers, als Sohn eines eingewanderten Schneidergesellen aus der Steiermark, heute würde man sagen: eines Wirtschaftsasylanten, weiss er seine Ellbogen zu gebrauchen. Und er ist intelligent. Aus finanziellen Gründen muss er das Gymnasium für eine Schlosserlehre abbrechen. Den Stoff des Gymnasiums eignet er sich in der Freizeit an, die Matur besteht er mit exzellenten Noten. Auch das Medizinstudium muss er wegen Geldmangels abbrechen. Er wird Telefonstenograf. Dieser Mann will es nun wissen.
Über die pathetische Aussage seines Gegners, eine Zeitung habe uneigennützig dem Leser zu «dienen», schüttelt der junge Unternehmer nur den Kopf. «Eine Zeitung in der Schweiz ist wie an jedem anderen Ort unserer Erde ein Geschäft wie ein anderes, und wer das abstreitet, der schwindelt das Blaue vom Himmel herunter.»

Nach der Auslieferung der ersten Beobachter-Nummer an praktisch alle Deutschschweizer Haushalte herrscht «Zeitungskrieg». Die Verleger speien Gift und Galle. Vergeblich setzen sie den Papierlieferanten des Beobachters unter Druck. Der Schweizerische Buchdruckerverein will Firmen, die Gratisblätter herausgeben, boykottieren. Ein Fonds in Höhe von 50'000 Franken soll dazu dienen, Artikel gegen Gratisblätter zu honorieren. Dann wird die Trumpf-Bauer-Karte gespielt: Dr. Albert Meyer, Vorstandsmitglied des Verbands, Nationalrat und NZZ-Chefredaktor, erhält eine Audienz beim Bundesrat. Das wirkt. Der Bundesrat erlässt 1928 eine eigentliche «Lex Beobachter». Drei Viertel der Empfänger einer Zeitung müssen künftig Abonnenten sein, wenn die Post zu den günstigen Zeitungstransporttaxen spedieren soll - andernfalls kommt die teurere Drucksachentaxe zur Anwendung. Das wäre für den Beobachter das Ende. Die Zeitschrift hat zu diesem Zeitpunkt erst jeden zweiten Empfänger als Abonnenten gewonnen.

Ras beschliesst, «vor dem Gesslerhut der schweizerischen Zeitungsverleger» seine Kappe nicht zu ziehen. Er versucht in seiner Verzweiflung, einen eigenen, privaten Verträgerdienst aufzubauen mit 2100 Personen, die den Beobachter austeilen. Noch ergiessen sich allerdings keine Pendlerströme in die Zentren, die man an den Knotenpunkten mit Zeitungsboxen bequem bedienen könnte. Der Versuch scheitert kläglich.

Ein gemeinsamer Kampf Ras appelliert schliesslich an die Leserschaft, den Beobachter zu abonnieren: «Der Beobachter nimmt die Faust aus dem Sack: Er erscheint ab Neujahr öfter, auch inwendig farbig. Er baut seinen Textteil aus. Leser, hilf mit und trag den Einzahlungsschein zur Post, wenn Du es noch nicht getan hast!» Nach zwei Jahren sind 400'000 zahlende Abonnenten beisammen. Doch die Zustellung der 700'000er-Auflage zur teuren Drucksachentaxe ist auf Dauer untragbar, der Beobachter wird notgedrungen nur noch an die zahlenden Abonnenten verschickt.

Die Zeitschrift steht plötzlich als ein Opfer staatlicher Willkür da (lesen Sie dazu auch den Artikel zum Thema «Augenzeuge Peter Rippmann ‹Der Beobachter war eines der ersten Gratisblätter›»). Die Leserschaft solidarisiert sich, erwartet künftig dasselbe aber auch vom Beobachter, nämlich dass er ihr bei Bedarf unter die Arme greift. Der kämpferische Charakter des Beobachters, sein Markenzeichen, ist das Resultat dieses verbissenen Abwehrkampfes gegen die traditionellen Verleger und so eigentlich nie geplant gewesen. Er ist gewissermassen eine Laune des Schicksals - die aber ausgezeichnet zur Biografie des Aufsteigers Max Ras passt: Mit einem manchmal an Besessenheit grenzenden sozialen Engagement kämpft er fortan für die Schwachen der Gesellschaft.

Ras bringt es dank dem Beobachter zu beachtlichem Vermögen, er besitzt zwei Villen, eine in Basel, eine Sommerresidenz bei Nizza. Doch gesellschaftlich bleibt er ein Aussenseiter. Wie viele seiner Freunde und Autoren im Beobachter, die nicht so recht in den helvetischen Rahmen passen wollen, zum Beispiel Carl Albert Loosli. Der streitbare Journalist lanciert im Beobachter seinen Kampf gegen die «Administrativjustiz». Schreibt dagegen an, dass Menschen ohne Gerichtsurteil in Arbeits-, Zwangserziehungs-, Irren- und Armenanstalten «auf Lebenszeit einfach unwiderruflich versenkt werden».

Loosli geisselt die fehlende rechtliche Überprüfung dieser Entscheide. «Was unter solchen Voraussetzungen alles möglich ist, grenzt ans Unerhörte. Es gehört zum Empörendsten, das man sich überhaupt vorzustellen vermag. Ein Staat, der eine derartige ‹Administrativjustiz› gutheisst und pflegt, setzt damit sein Ansehen als Rechtsstaat gröblich aufs Spiel.»

Loosli weiss, wovon er schreibt, wurde er doch als uneheliches Kind bevormundet und in Erziehungsheime, Armenhäuser und Besserungsanstalten gesteckt. In Max Ras findet «der Verdingbub des schweizerischen Schrifttums» einen Förderer und Freund, der ihm unabhängigen Journalismus und Schriftstellerei ermöglicht - von 1930 bis 1932 sogar mit monatlichen Geldüberweisungen.

Heute gilt Loosli als ein Schweizer Schriftsteller ersten Ranges, als «Philosoph von Bümpliz» und einflussreicher politischer Publizist. Und der Beobachter verdankt ihm wichtige Themen, die die Zeitschrift geprägt haben: Zwangspsychiatrisierung, Willkür in Heimen, Kampf für Rechtsstaatlichkeit.

Ras hatte nicht nur bei Loosli, sondern auch bei Friedrich Glauser oder Friedrich Dürrenmatt, die er entscheidend förderte, den Riecher für Querdenker und Talente. Und doch bleibt es ein Rätsel, wie der Beobachter so erfolgreich wurde in einem Land, wo zur Zeit der Lancierung jedes Tal sein eigenes Blättli hatte. Der Erfolg, schrieb Ras, «war vielleicht weniger ein Massstab für die Qualität des Blattes als eine Sympathiekundgebung für den von allzu vielen Seiten heftig Angegriffenen. Es ist ein Grundzug menschlichen, im besonderen schweizerischen Wesens, zum angegriffenen Schwachen zu stehen.» Es wurde die Erfolgslosung des Beobachters: «Stark für die Schwachen». Gut möglich, dass Max Ras, der Sohn eines Einwanderers, der eigentlich Rasworscheg hiess, die wohl schweizerischste aller Zeitungen erfand und das Wesen der Schweizer damit genauer erfasste als mancher Einheimische.


soziallabel.gifBeobachter-Aktion: Zur Nachahmung empfohlene Projekte Im Jubiläumsjahr 2007 zeichnet der Beobachter Projekte aus, die aus privater Initiative wirkungsvolle soziale Arbeit leisten. Die Erhaltung eines tragfähigen sozialen Netzes ist dem Beobachter seit je ein Anliegen. Dafür braucht es starke staatliche Einrichtungen - aber nicht nur: In den Nischen, die der institutionelle Sozialapparat nicht abdeckt, sind Eigeninitiative und Kreativität gefragt, um bedürfnisgerechte Hilfestellungen zu bieten. Solche Angebote, die auch im Kleinen wirkungsvolle soziale Arbeit leisten, will der Beobachter in seinem Jubiläumsjahr in einer sechsteiligen Serie näher vorstellen - als Muster zur Nachahmung.

Für das «Gütesiegel» des Beobachters werden privat initiierte Sozialprojekte aus den Bereichen Familie, Pflege, Arbeit, Ausländerintegration, Nachbarschaftshilfe und Jugend gesucht. Die Unterstützungsangebote sollen ein eigenständiges Profil aufweisen, also aus einem spezifischen Bedürfnis heraus entwickelt worden sein und nachhaltige Lösungen ermöglichen. Ein zentrales Kriterium ist die Transparenz von Trägerschaft und Finanzierung. Bei der Auswahl der auszeichnungswürdigen Projekte wird die Beobachter-Redaktion von der Hochschule für soziale Arbeit Luzern und ihrem Rektor Walter Schmid fachlich unterstützt.

Ihre Vorschläge sind gefragt! Kennen Sie innovative Sozialprojekte, die der obigen Beschreibung entsprechen? Senden Sie bis 26. Januar 2007 entsprechende Unterlagen (Konzept, Kontaktpersonen) an:
Redaktion Beobachter
Sozialprojekte
Postfach
8021 Zürich
redaktion@beobachter.ch

Quelle: Archiv
Anzeige