Das Geheimnis der Grimels muss für immer fest verschlossen in deinem Kopf bleiben. Du darfst es niemandem jemals weiter erzählen, denn die Grimels wollen auf keinen Fall entdeckt werden. Wenn man sie entdecken würde, würde man sie womöglich gefangen nehmen, in Käfige sperren und auf riesigen Schiffen von der Insel wegbringen, weit weg übers Meer. Dann kämen sie vermutlich in den Zoo, wo alle Leute sie anstarren könnten. Von überall her würden die Menschen anreisen, um sich die Grimels in ihrem Zoogehege anzuschauen, und sie würden viel Geld dafür bezahlen, denn schliesslich hat man so was wie die Grimels zuvor noch nie zu Gesicht bekommen. Hunderte Menschen würden sich Tag für Tag um den Käfig drängen, und die Grimels hätten keine Ruhe mehr.


Du siehst also, warum es besser ist, wenn niemand von den Grimels erfährt, ausser dir und mir. Denn den Grimels gefällt es auf ihrer Insel. Sie leben dort in ihren winzigen Häusern mit den winzigen Gärten und sind sehr glücklich. Tagsüber gehen die Grimelkinder zur Schule und lernen dort, wie lange es dauert, wenn man einmal um die ganze Insel herumgeht. Ein alter Mann, der jetzt bestimmt schon hundert Jahre alt ist, hat es einmal ausprobiert. Es hat fast vier Monate gedauert. Der alte Mann war hinterher so müde, dass er zwei Wochen am Stück geschlafen hat, ohne auch nur einmal aufzuwachen.

Die Grimelkinder lernen auch, wie man eine gute Hühnerkeulengummikrautsuppe kocht. Was das ist, darfst du mich nicht fragen. Nur die Grimels kennen das Rezept.

Das Wichtigste aber, was die Grimelkinder lernen müssen, ist, wie man sein Haus vor dem gefährlichen Wasser schützen kann. Es ist nämlich so, dass jedes Jahr im November ein riesiger, brausender Sturm über die Insel fegt, und dieser Sturm lässt das Meer so hohe Wellen schlagen, dass die winzigen Häuser der Grimels beinahe fortgeschwemmt werden. Blitze zucken über den Himmel und die Wolken sind so schwarz, dass man nicht die Hand vor Augen sehen kann. Wie gefährlich dieser Sturm ist, das lernen die Grimelkinder schon, wenn sie noch in die Windeln machen.

In der zweiten Klasse gilt es dann ernst: Die Kinder unternehmen mit ihren Lehrern einen langen Ausflug in den Wald. Dort sucht sich jedes ein geeignetes Plätzchen und sammelt Material, um ein eigenes Haus zu bauen, natürlich im Kleinformat (die Häuser sind ungefähr so hoch wie du, jetzt kannst du selber nachmessen). Danach kommt der Lehrer bei jedem Haus vorbei und sieht es sich genau an, ob auch ja alles sturmsicher gebaut ist. Nur wer diese Prüfung besteht, kommt eine Klasse weiter. Alle anderen müssen wohl oder übel die zweite Klasse wiederholen.

Richtig gefährlich wird es dann in der sechsten Klasse. Da steht den Schülern nämlich die Abschlussprüfung bevor. Im November, ungefähr zwei Tage vor dem grossen Sturm, wandert die ganze Klasse zur Küste, wo das Meer am gefährlichsten ist, um dort gemeinsam ein einziges Haus zu bauen. Zwei Tage haben sie dafür Zeit, danach muss das Haus fest stehen. So fest, dass es nicht vom Sturm weggefegt wird. Wenn der Sturm schliesslich kommt, kuscheln sich alle Kinder in ihrem Haus ganz eng aneinander und hören, wie der Wind über sie hinwegpfeift und an den Hausmauern rüttelt, und sie hören das wilde Brausen des Meeres und natürlich zittern sie alle vor Angst und hoffen so inbrünstig wie es nur geht, dass ihr kleines Haus stehen bleibt.

Du brauchst dir aber um die Grimelkinder keine Sorgen zu machen. Ihre Lehrer würden sie niemals einer solchen Gefahr aussetzen, wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher wären, dass die Schüler die Prüfung bestehen. Bisher haben es noch alle Grimelkinder geschafft, ein absolut sicheres, standfestes Haus zu bauen. Und hinterher waren sie natürlich alle mächtig stolz.