Die Baumnuss, die grösste von allen, fing an und schwärmte von ihrer Kindheit, beschützt von Blättern ihrer Baummutter draussen auf einem Feld. Die Mutter, der Nussbaum, war der Stolz des Bauern und so konnte ihr Kind, die Nuss, nicht bescheiden sein und lobte sich und ihre Schönheit aufs Trefflichste. Sie war stolz auf ihre fleischige grüne Hülle, die sie durch ihre ganze Kindheit und Jugend begleitet hatte, bis es ihr, der Nuss, dann gefiel, mit Hilfe eines heftigen herbstlichen Windstosses die Welt auf dem Boden zu ergründen. Ihre grüne Hülle war längst braun und welk geworden, aber das verriet die Hochnäsige nicht.

Die Bäuerin habe sie dann mit vielen ihrer Geschwister vom Boden aufgelesen und in einen grossen Korb gelegt. Am nächsten Tag sei die Frau zum Markt gefahren und hätte sie an einen Mann verkauft. Und dies für sehr viel Geld, wie sie beteuerte! Verschwiegen hat sie aber, dass sie natürlich nicht alleine war, viele ihrer Geschwister wurden mit ihr in einen grossen Papiersack gepackt und vom Käufer nach Hause genommen. Wer war dieser Käufer? Eben, der Sankt Nikolaus, der sie dann in einen grossen Jutesack packte und zusammen mit Schokolade, Haselnüssen, Mandarinen und spanischen Nüssen an die lieben Kinder verteilte. Und weil sie eben so wunderschön gross und gutaussehend sei, habe sich kein Kind und auch kein Erwachsener getraut, ihre harte Schale aufzuknacken und sie zu essen.

Nun fiel ihr aber die Haselnuss ins Wort und meinte, sie, die Baumnuss, solle nicht so eitel tun, es gebe noch andere gute Nüsse neben ihr. Man solle nur mal die schön braun glänzende Schale der Sprechenden näher ansehen! Und dann erst ihr Inhalt - eine Haselnuss sei eben etwas ganz Besonderes und für sehr viele Torten und andere feine Sachen wie zum Beispiel Joghurt oder Lebkuchen zu verwenden - wer hätte jemals von einem Baumnusslebkuchen gehört?

Beleidigt rollte sich die Baumnuss zur Seite und schwieg. Die Haselnuss erzählte von einem grossen Abenteuer, das sie bestanden habe, bevor sie im Sack des Sankt Nikolaus Zuflucht fand: Sie sei am Waldrand aufgewachsen und schön langsam, wie es sich für eine echte Haselnuss gehöre, gereift und braun geworden. Sie habe sich schon überlegt, wann, das heisst, in wie vielen Tagen, sie den Sprung auf den Boden wagen würde, da sei doch ein pelziges braunes Wesen mit buschigem Schwanz und weissem Bauch auf den Haselstrauch geklettert und hätte ausgerechnet sie ausgelesen. Es habe sie in sein Mäulchen genommen und sei mit ihr husch husch in grossen Sätzen auf die Tanne nebenan gesprungen. Von dort auf die Buche und ihr, der Haselnuss, sei ganz schwindlig geworden und sie hätte sich im Maul des Tiers gedreht. Das habe das Pelzige so gekitzelt, dass es niesen musste und die Nuss fallen liess. Sie sei auf weiches Moos gefallen und hätte sich dort etwas erholen können.

Doch schon habe ein anderes Tier im Laub geraschelt und die Nuss habe ein spitzes Schnäuzchen und vor allem zwei grosse schwarze Knopfaugen bemerkt. Das Tier sei viel kleiner als das erste gewesen und habe das Schnäuzchen viel weiter aufmachen müssen, um sie, die Haselnuss, mitzunehmen. Es sei mit ihr durchs Unterholz gesprungen und erst am Rand eines kleinen Waldwegs stehen geblieben als sie von Weitem einen grossen Lärm vernahmen. Ein lautes Gebell sei immer näher gekommen. Das Tierchen habe sich geduckt und vor lauter Angst gezittert. Jedoch sei das Gebell näher und näher gekommen und nun konnte die Haselnuss zwischen den Zähnchen des Tiers das Riesentier erkennen, das so laut bellend auf sie zukam. Nun spuckte das Knopfäugige die Nuss aus und rannte davon so schnell es konnte. Das Riesentier sei auf sie zugekommen und hätte den ganzen Waldweg abgeschnuppert. Nun sei auch ein Knabe erschienen und habe auf das Tier eingeredet. Er nannte es Bello und band es an einer Leine fest. Da habe der Knabe sie, die schön glänzende Nuss, entdeckt und aufgehoben und in seine grosse Tasche gesteckt. Dort waren aber noch eine Menge andere Haselnüsse und am nächsten Tag habe der Knabe alle dem Sankt Nikolaus gebracht und sie, die Nuss, sei froh gewesen, all die Aufregung überstanden zu haben.

Die spanische Nuss räusperte sich und erzählte, man nenne sie zwar «spanisch», aber sie komme von viel viel weiter her. Dort, wo sie aufgewachsen sei, würden die Leute eine andere Sprache sprechen. Man habe sie mit Tausenden ihrer Verwandten geerntet und in grossen Containern wegtransportiert. In Camions seien sie viele Stunden gefahren bis sie ans Ufer des Meeres gekommen seien. Ein Kran habe sie dann alle auf ein Riesenschiff geladen und dann sei die lange Reise übers Wasser losgegangen. Es habe einen Sturm gegeben und sogar die Matrosen seien seekrank geworden, so hohe Wellen hätten das Schiff fast zum Kentern gebracht. Endlich, endlich, nach vielen Tagen seien sie alle wieder verladen worden und nach erneuter langer Reise habe man sie in einer Fabrik sortiert, geröstet und schön verpackt. Dann habe man sie in einen Lebensmittelladen gebracht, wo wenig später der Sankt Nikolaus gekommen sei und sie gekauft habe. Und nun sei sie eben hier und freue sich, dass sie in dieser längsten Nacht erzählen durfte, was sie erlebt hat. Und übrigens sei sie auch etwas ganz Spezielles, da unter ihrer hellen Schale gleich drei Nüsse zu finden seien.

Und so endete die längste Nacht des Jahres.

Anzeige
Quelle: Jupiterimages