Beobachter: Frau Wicki, was ist Philosophie?
Maja Wicki:
Sie ist die grosse Möglichkeit zum Austausch über die Fragen unserer Existenz. Sie klärt Begriffe und knüpft Zusammenhänge zwischen den Wissenschaften und den geheimnisvollen Gesetzen des Lebens: geboren werden, Leben gestalten und sterben. Als Verbindung zwischen Denken und Empfinden bietet die Philosophie Erklärungen und stellt gleichzeitig neue Fragen.

Beobachter: Noch mehr Fragen – nicht gerade das, was wir in einer Zeit der Orientierungs- und Trostlosigkeit brauchen.
Wicki:
Wir können ja wichtige Antworten finden. Antworten, die unseren grossen Hunger nach Sinnhaftigkeit stillen. Dann lässt sich auch mit neuen Fragen besser leben. Wir lernen, was Wissen und Nichtwissen heisst. Dabei geht es nicht allein um wahre Theorien. Philosophie ist kreatives Denken aus Liebe zur Weisheit.

Beobachter: Warum stellt sich die Sinnfrage in der heutigen Zeit besonders?
Wicki:
Die Theorien sind brüchig, es herrscht ein Wirrwarr an angeblichen Wahrheiten. Dazu kommt eine ungeheure Masslosigkeit, insbesondere in technischen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen. Unter wachsendem Zeitdruck werden Erfolg, Gewinn und Fortschritt gefordert. Wir fragen und ängstigen uns zunehmend, wie wir das alles gestalten können und was der Sinn dabei ist.

Anzeige

Beobachter: Wie können wir die Philosophie in unseren Alltag übertragen?
Wicki:
Philosophische Gespräche helfen uns, aufeinander zu hören und uns zu respektieren. Wir können unsere Werte untersuchen, sie stärken und leben. Mehr Sorgfalt und Rücksicht zum Beispiel würden unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern. Wir sollten mit Lust leben, aber auch mit Ernst. Das bedeutet, nach dem Sinn und den Folgen unserer Entscheidungen zu fragen. Alle, auch Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, sollten den kreativen und zugleich skeptischen Gedankenaustausch pflegen und sich ständig bemühen dazuzulernen.