Sie sass den ganzen Tag in ihren Gemächern vor riesigen Spiegeln und weinte um ihren Mann, der vor einem Jahr gestorben war. Und wenn sie aufschaute in die Spiegel, sah sie, wie die Königinnen darin mit ihr weinten und darum weinte sie noch viel mehr. Sie ass kaum mehr etwas und wurde vom vielen Weinen ganz krank. Trotzdem konnte sie nicht aufhören zu trauern. Die Zofen machten sich schon lange Sorgen um ihre Königin und überlegten hin und her, wie sie ihre Herrin ihrer Traurigkeit abbringen könnten.

Der Frühling flog ins Land und überschwemmte es mit zauberhafter Blütenpracht. Jedem ging das Herz auf, wenn er die Zartheit und Schönheit der neu erblühten Natur sah. Die Zofen hofften nun, der Frühling würde mit seiner sanften Macht auch das Herz der Königin öffnen. Doch diese bemerkte vor ihren weinenden Spiegeln nichts von der farbenprächtigen Jahreszeit.

Der Himmel war blau, die Luft angenehm warm, die Bienen summten und die Blüten leuchteten, als eine der Zofen zu der Königin herantrat und flüsterte: «Wir haben für Euch eine Bank gleich unter einem blühenden Apfelbaum aufgestellt. Wollt Ihr dort nicht ein wenig den lauen Frühling geniessen?» Die Königin sah die Zofe aus unendlich traurigen Augen an und flüsterte zurück: «Mein lieber Mann wird aber unter dem blühenden Apfelbaum nicht neben mir sitzen können.» Und von neuem weinte sie und alle Königinnen in den Spiegeln weinten mit.

Die Zofe schlich also unverrichteter Dinge aus den Gemächern der Königin und berichtete den andern Dienerinnen über die Reaktion ihrer Herrin. Die jüngste Zofe sprang davon, in den Park hinunter und brach ein paar blühende Zweige vom Apfelbaum ab. Liebevoll stellte sie diese in eine hohe Vase und trat damit leise zur Königin. Sie stellte die rosaweissen Blüten neben einen der grossen Spiegel, so dass sich der Strauss in allen andern Spiegeln spiegelte. Die Königin hob den Kopf und sah die Blütenpracht. Sie sagte gar nichts, weinte auch nicht und schaute nur auf den Frühlingsgruss.

Die Zofe hatte aber, als sie hereinkam, vergessen die Türe zu schliessen und so tapste ihr kleiner Bruder ungeniert ins Zimmer hinein. Unter dem Arm trug er eine junge Katze, die kläglich miaute und sich aus dem unbequemen Griff zu befreien versuchte.

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Endlich gelang es dem Tierchen, es sprang mit ein paar wenigen ungelenken Sprüngen unter den Frisiertisch der Königin. Der kleine Junge stolperte freudig kreischend hinter seinem Kätzchen her und versuchte es wieder zu fangen, während die Zofe ihrerseits sich bemühte, ihren Bruder zu packen um ihn aus den Gemächern zu schleppen. Die Königin war sich so viel Trubel gar nicht mehr gewohnt und beobachtete erstaunt, was sich um sie herum tat.

Der Junge hatte ein Bein seines Kätzchens erwischt und zog das Tierchen unter dem Tisch hervor. Stolz hob er es hoch und legte es der verdutzten Königin in den Schoss. Das Kätzchen versuchte sofort wegzukrabbeln. Die Zofe hob ihren sich wehrenden Bruder - Entschuldigungen murmelnd - hoch.

Doch die Königin lachte über das Kätzchen und den Jungen und bat die Zofe, den Kleinen ein bisschen bei ihr zu lassen. Sie drückte dem Jungen das Kätzchen in den Arm und blickte dann kurz in die Spiegel. Zuerst erschrak sie über das freundliche Gesicht darin, das ihr zulächelte. Doch dann konnte sie den Blick kaum mehr von ihren eigenen Spiegelbildern abwenden.

Das Herz ging ihr auf, über all diesen Königinnen, die sie aus den Spiegeln anlächelten. Sie lächelte zurück und lächelte und lächelte. Es war ihr, als sei alle Traurigkeit wie eine grosse Last von ihr abgefallen. Dann stand sie auf, trat ans Fenster und sah in den Park hinunter. «Dort steht eine Bank unter dem Apfelbaum!», sagte sie noch immer lächelnd. «Jetzt habe ich Lust mich darauf zu setzen.»

Und von diesem Tage an lächelte die Königin wieder und all die Königinnen in den Spiegeln lächelten mit ihr mit.