«Kleines Mädchen, was hast du?» Erschrocken drehte sich das Mädchen um, erblickte aber keine Menschenseele. Nur eine schnatternde Entenschar stritt sich auf dem See um einen Laib Brot. «Hier bin ich», ertönte die Piepsstimme wieder. Das Mädchen starrte auf den See hinaus. Die Stimme kam aus der Richtung, wo sich die Entenschar stritt. «Siehst du mich nicht? Schau hier!» Ein kleines Entlein schwamm neben der Entenschar und flatterte mit seinen Flügeln, dabei streckte es wichtig seine kleine Brust in die Höhe.

«Enten können nicht sprechen», murmelte das Mädchen. «Ich schon. Ich bin eine clevere Ente; wie heisst du?» «Ich glaub, ich spinn», dachte das Mädchen, nannte aber trotzdem seinen Namen: «Ich heisse Maria.» «Warum bist du so traurig?», fragte das Entlein besorgt. «Ach», Maria entfuhr erneut ein kleiner Schluchzer, «in der Schule hat es so doofe Typen, die klauen mir ständig mein Pausenbrot.» «Und du gibst es ihnen einfach so?», entrüstet schüttelte das Entlein seinen Kopf. «Die sind zu zweit und stärker als ich», rief Maria, «sowieso, was kümmert es dich?»

«Du machst einen Höllenlärm», sagte das Entlein. «Ich mach einen Höllenlärm! Und deine Freunde?» Maria zeigte auf die Entenschar, die sich immer noch lauthals um das Futter stritt. «Die veranstalten jeden Tag einen solchen Radau. Dein Weinen klingt halt so traurig, das mag ich nicht.»

«Ich kann ja woanders hin gehen.» Maria wollte nach ihrem Schulsack greifen. «Nein, bleib!», bat das Entlein. «Sag, warum klauen sie dir dein Pausenbrot? Helfen dir deine Freunde nicht? Sonst muss ich dir helfen.» Das Entlein plusterte sich auf, um grösser auszusehen, was ihm aber nicht gelang. «Du?», Maria verkniff sich beim Anblick des aufgeblähten Entleins ein Lächeln, «du kannst dich ja nicht mal gegen deine Artgenossen wehren. Wie willst du mir helfen?» Sie schwieg einen kurzen Augenblick und fuhr fort: «Ich bin erst vor kurzem hierher gezogen. Meinen neuen Freunden möchte ich nichts davon erzählen, sonst denken die, ich sei eine Heulsuse.» «Beschmier doch dein Pausenbrot mit Senf! Dann klauen es dir die Jungs bestimmt nicht mehr», schlug das Entlein vor. Maria zuckte mit den Schultern: «Die Jungs schmeissen mein Znüni direkt in den Abfall. Heute haben sie ein Stück selbstgebackenen Kuchen von meiner Mutter fortgeworfen. Dabei haben sie sich fast tot gelacht: ‹Hat dir deine Mami ein Stück Kuchen eingepackt?›», äffte Maria die Jungs nach, dabei liefen ihr wieder Tränen die Wangen herunter. Das Entlein schwieg eine Weile, dann rief es plötzlich: «Pass jetzt gut auf: Ich zeig dir was!», und schwups tauchte es weg.

Maria starrte auf die Stelle, an der es verschwunden war. Die Wasseroberfläche war ganz glatt. Nach einer Weile dachte Maria, das Entlein hätte sie vergessen, da preschte plötzlich ein riesiges Monster hervor, direkt neben der Entenschar. Es sah furchterregend aus: Es war voller Stacheln und hatte riesige Augen. Es schwamm direkt auf die Enten zu, die aufgeschreckt davonflogen. Danach war es ganz ruhig. Das Monster lag reglos auf dem Wasser. «So einfach gehts», das Entlein tauchte neben dem Monster auf und begann am restlichen Brot zu knabbern. Maria sah nun, dass das Monster ein geflochtenes Gebilde aus Zweigen, Blättern und Moos war. «Hab ich selbst gebastelt», stolz zeigte das Entlein auf das Monster, «soll ich dir auch helfen?» «Ein Monster zu basteln?» «Ich hätte da eine Idee», sagte das Entlein. Frohen Mutes ging Maria etwas später nach Hause.

Am nächsten Tag rannte ein Junge schreiend über den Pausenplatz, ein anderer folgte ihm dicht auf den Fersen: «Hilfe! Eine Schlange hat mich gebissen. Wenn die nun giftig war! Ich brauche einen Arzt.» Weinend verliess er mit seinem Freund das Schulareal. Maria schaute den beiden lächelnd hinterher und öffnete ihre Lunchbox. Ein Entenschnabel kam zum Vorschein: «Die bist du für immer los!» «Danke kleines Entlein!» Dann ging Maria mit ihrer Lunchbox zum Seeufer.