Lehrer Christian Pilgram hat eine radikale Massnahme gegen das Kiffen ergriffen: Alle Teilnehmenden des diesjährigen Skilagers von Mitte März in Lenzerheide müssen einen Vertrag unterzeichnen, in dem sie sich verpflichten, eine Woche lang auf jeglichen Konsum von Alkohol, Nikotin und anderen Drogen zu verzichten.

Auf die Idee des freiwilligen Drogenverzichts kam er nach den Erfahrungen des letztjährigen Lagers. «Die Schüler haben gekifft, was das Zeug hielt. So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Pilgram, der seit 30 Jahren Deutsch, Geschichte und Philosophie an der Diplommittelschule Basel unterrichtet und seit 15 Jahren die Skilager der Schule leitet.

Die Abstinenz wird mit einer grosszügigen Gegenleistung belohnt: Alle Schülerinnen und Schüler, die den Vertrag einhalten, bekommen Ende der Woche eine Prämie von 100 Franken. Ermöglicht wurde dies durch die Basler Justizdirektion, die für den Versuch 4000 Franken stiftete.

«Ein völlig falsches Signal»
«Es musste etwas passieren», meint Christian Pilgram, «sonst hätten wir das Lager abblasen müssen.» Im normalen Schulbetrieb sei es möglich, den Kopf in den Sand zu stecken und das Drogenproblem zu ignorieren. Im 24-Stunden-Betrieb eines Lagers gehe das aber nicht mehr: «Unser Experiment ist eine Art Offensivstrategie. Ich bin gespannt, wie es herauskommt.»

Unter Experten im Bereich der Suchtmittelprävention gehen die Meinungen zum Deal «Geld für Drogenverzicht» auseinander (siehe Nebenartikel «Umfrage: Geld statt Drogen – eine Schnapsidee?»). Für Richard Müller von der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) ist der Ansatz schlicht «Ausdruck einer völligen Hilflosigkeit». Und Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, findet es «äusserst problematisch», wenn Steuergelder für eine derartige Massnahme gesprochen werden: «Damit wird ein völlig falsches Signal an die Jugendlichen gegeben.»

Die Schülerinnen und Schüler hingegen nehmen das Vorgehen der Lagerleitung gelassen. Der 19-jährige Kai Schmid* hat den Vertrag unterschrieben. «Für mich ist diese Woche eine Herausforderung. Auf Zigaretten zu verzichten wird schwierig.» Diesmal gehe es ihm aber um den Sport: «Das Snowboarden muss im Mittelpunkt stehen.» Das letztjährige Lager hat ihm in ganz anderer Hinsicht einen bleibenden Eindruck hinterlassen. «Es war extrem. Zirka 70 Prozent der Leute haben ständig gekifft, immer und überall. Ich auch.»

In der Schweiz konsumiert jeder vierte der 18- bis 24-Jährigen gelegentlich Cannabis. Fast 90000 Personen rauchen täglich einen Joint, und etwa 600000 kiffen regelmässig, schreibt die SFA.

Auch der Alkohol- und Nikotinkonsum der Jugendlichen nimmt drastisch zu. Wurden im Jahr 2000 noch 1,7 Millionen Alcopops verkauft, waren es 2002 rund 40 Millionen. 12000 Kinder und Jugendliche in der Schweiz trinken täglich Alkohol. Und der Anteil der Raucher unter den 15- bis 24-Jährigen hat sich innerhalb von fünf Jahren auf gut 43 Prozent erhöht.

Nachhaltigkeit erreichen
Derartige Zahlen aktivieren einen gängigen Reflex – den Ruf nach mehr Drogenprävention. Doch diese Forderung, in der aktuellen politischen Diskussion um die Cannabisliberalisierung allgegenwärtig, stösst ins Leere. Denn noch mehr ist gar nicht möglich: Die Vielfalt an öffentlichen und privaten Suchtpräventionsaktivitäten in der Schweiz ist selbst für Fachleute nicht mehr überblickbar, wie Martin Hafen von der Hochschule für soziale Arbeit (HSA) in Luzern bestätigt.

Für Hafen ist der Skilagerversuch der Basler Schule ein typisches Beispiel dafür, dass die Suchtmittelproblematik allzu häufig nur punktuell angegangen wird. «Eine sicher gut gemeinte Einzelmassnahme, die aber am Hauptziel vorbeischiesst: Nachhaltigkeit zu erreichen.»

Steigender Suchtmittelkonsum trotz ständigem Ausbau der Präventionsbemühungen: Das System versagt. Das erstaunt Denis Ribeaud, Soziologe der Universität Lausanne, nicht: «Es fehlt in der Schweiz an einer einheitlichen Präventionspolitik. Von verschiedenen Trägerschaften werden zusammenhanglos Programme eingeführt, ohne dass man weiss, was wirkt und was nicht.» Nicht mehr Angebote brauche es, sondern gezieltere und besser vernetzte.

Ist Gutes auch das Richtige?
Der heutige Aktivismus ist erklärbar. Das Etikett «Prävention» macht sich gut, beruhigt das Gewissen und wird in der Regel auch wohlwollend unterstützt. Nicht etabliert ist hingegen die Hinterfragung, ob Gutes tun auch das Richtige ist. Was in der Wirtschaft selbstverständlich sei, nämlich die Frage nach dem «Return on investment», werde in der Präventionsarbeit als störend empfunden, stellt Denis Ribeaud fest. Dabei ist für den Lausanner Experten klar, dass genau solche Wirksamkeitsanalysen der Schlüssel dazu wären, um im heutigen Wildwuchs der Angebote die Spreu vom Weizen zu trennen. «Die Evaluationsforschung muss dringend ausgebaut werden», fordert er.

In anderen Ländern gehört das bereits zum Standard. In Grossbritannien beispielsweise gilt das Prinzip, dass öffentliche Gelder für Präventionsprojekte nur dann gesprochen werden, wenn daran eine wissenschaftliche Untersuchung über die Wirksamkeit der entsprechenden Massnahme gekoppelt ist. Auch Holland geht einen ähnlichen Weg.

Hierzulande herrscht vorderhand noch Stückwerk. Das bisher ehrgeizigste Projekt wurde 1999 vom Bundesamt für Gesundheit lanciert. Das mehrjährige Forschungsprogramm Supra-f untersucht die Verhaltensweise von Jugendlichen in Risikosituationen, wovon man sich Rückschlüsse für künftige präventive Aktivitäten erhofft. «Ein Schritt in die richtige Richtung», urteilt Martin Hafen von der HSA Luzern.

Bis die Erkenntnisse von Supra-f in der praktischen Präventionsarbeit angewendet werden können, wird es allerdings noch Jahre dauern. Bis dahin müssen kurzfristige Aktionen wie jene im Skilager von Lehrer Pilgram genügen. Immerhin ist deren Wirksamkeit unmittelbar sichtbar: Am kommenden Samstag werden den abstinenten Schülerinnen und Schülern die Hunderternötli in die Hand gedrückt.

* Name geändert

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