Es ist paradox: Die grosse Mehrheit zählt sich selbst zum Mittelstand, die Parteien behaupten, vor allem für ihn zu politisieren – und doch hat man in der öffentlichen Diskussion den Eindruck, dass der Mittelstand in der Schweiz meist der Dumme ist. Für Subventionen verdient er zu viel, für ein Leben ohne finanzielle Sorgen aber zu wenig. Wenn die Krankenkassenprämien steigen, der Staat Gebühren erhöht, die Mieten in den grossen Städten klettern und klettern, dann wird stets der Mittelstand bedauert.

Doch wie geht es ihm wirklich? Was ist mit dem vielbeschworenen sozialen Abstieg, der ihm immer wieder drohen soll? Mit dieser Ausgabe beginnen wir eine vierteilige Serie über den Mittelstand, seine Wertvorstellungen und Sorgen. Zum Auftakt präsentieren wir eine neue Studie des Beobachter-Familienmonitors, für die 500 Mittelstandsfamilien befragt wurden. Einer der Befunde: Der Mittelstand kann sich ein Leben ohne Auto kaum vorstellen. 51 Prozent fänden es «sehr schwer», bei Geldmangel das eigene Fahrzeug abzuschaffen. Für genauso viele wäre es umgekehrt «sehr leicht», in einer solchen Situation auf ein weiteres Kind zu verzichten. Das bedeutet wohl kaum, dass die befragten Eltern kinderfeindlich wären, illustriert aber den Wert liebgewonnener Statussymbole. Dazu passt, was Beobachter-Redaktor Sven Broder schreibt, wenn er in unserer Titelstory Einblick in sein Mittelstandsbudget gewährt. Es gehöre zum Selbstverständnis der Mittelschicht, «dass wir uns was gönnen dürfen, ja, gönnen dürfen müssen». Denn ohne den Konsum des Mittelstands sähe es schlecht aus für die Konjunktur.

Die grösste Angst des Mittelstands, sagt der Politologe Michael Hermann, sei diejenige, «dass unser kleines Paradies kaputtgehen könnte, dass uns das, was wir haben – und dazu gehört auch unsere Identität –, weggenommen wird». Konkret zeigt sich das so: Laut Beobachter-Familienmonitor macht sich fast jeder dritte Befragte «starke Sorgen», dass sich seine finanzielle Situation durch die Zuwanderung aus dem Ausland verschlechtern könnte. Selbst Krankheit und Arbeitslosigkeit erscheinen im Vergleich etwas weniger bedrohlich.

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Glaube an den eigenen Aufstieg

Anderseits erwarten 86 Prozent der Befragten, dass es ihnen in den nächsten Jahren finanziell gleich oder gar besser geht. Wie passt das zusammen? Auch wenn der Mittelstandsfamilie die Angst vor dem Verlust ihres kleinen Paradieses im Nacken sitzt, glaubt sie offenbar dennoch unverdrossen an den eigenen sozialen Aufstieg. Illusionen? Möglicherweise. Vor allem aber ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das man nur gesund nennen kann.