Den Pfadis weht ein steifer Wind um die Ohren. Hohe Wolken bedecken den Himmel, der See ist unruhig, Wellen schlagen ans Ufer und die Weidlinge schaukeln gefährlich. Doch schlechtes Wetter gibt es nicht, nicht für echte Pfadis. Und wer segeln will, braucht schliesslich Wind. Während Leiterin «Kolibri» die Schwimmwesten verteilt, übernimmt «Stag» beim Ausrüsten des Boots das Kommando. Mit Hilfe des Krans richten ein paar Pfadi-Matrosen unter Knattern und Ächzen den zweiten Mast auf, die anderen gucken zu und warten, bis es endlich losgeht.

Doch Pfadfinder auf dem See – ist das nicht irgendwie wie fremdgehen; Pfadis gehören schliesslich in den Wald? «Seepfadi ist einfach cool», meint «Peak». «Wir baden, segeln, rudern, das können andere Pfadis nicht.» Und Rebekka, die noch keinen Pfadinamen hat, meint pragmatisch: «In den Wald kann ich ja mit meinen Eltern.» Allgemeines Nicken. «Im Sommer sind wir im Fall 13 Stunden am Stück zum Obersee ins Lager gerudert, von abends um 9 bis morgens um 10 Uhr!»

«Hier ist mehr Ägschen»

Ausdauer scheint überhaupt eine Stärke der Seepfadis zu sein. Auch wenn es fast eineinhalb Stunden dauert, bis die «Delphi» endlich startklar ist – langweilig findet das keiner. Im Gegenteil: «In der Seepfadi ist mehr Ägschen», weiss Ex-Landpfader «Culcho».

Dann, flink wie Ameisen, klettern alle an Bord. Ruder fassen, abstossen, paddeln, im Beinahe-Gleichschlag Richtung Zürihorn. Bald lässt «Stag» die Segel setzen. Eine Stunde lang geht es hin und her und hin und her, halsen, wenden, halsen, wenden. Skipper «Kolibri» weiss stets, woher der Wind weht. Jetzt packt sie ihr Seglerlatein aus, erklärt Lee und Luv, Backbord und Steuerbord, Fock und Besan, fieren und dichtholen. Aus dem iPod mit Lautsprecher scheppern Rammstein, die älteren Mädchen schauen mit Stöpsel im Ohr einen Film, und Alex gibt mit einem Blatt Papier den Origami-Künstler. Es wird geschubst und gelacht, geneckt und gefuttert. Der Aufschneider ne-ben dem Schüchternen, die Coole neben dem Mauerblümchen, der Sprücheklopfer neben dem Schlaumeier – alle sitzen im selben Boot. Und es fährt. Nein, die Seepfadis wollen nichts Besonderes sein. Sie sind es.

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