Unser Mammutbaum, von dem hier die Rede ist, stand schon über 2'000 Jahre an demselben Platz. In den letzten 40 Jahren hatte er immer wieder seltsame und spannende Geschichten gehört. Geschichten von Touristen, die jedes Jahr zur Weihnachtszeit der Kälte entfliehen und sich auf die Reise in sein Land begeben. Oft waren es nur einzelne Sätze, die der alte Baum aufschnappte. Wie zum Beispiel: «Oh, bin ich froh, noch etwas Sonne zu tanken.» Oder: «Kaum vorstellbar, dass zu Hause schon 30 Zentimeter Schnee liegen.»

Eine Frau hörte er zu ihrem Mann sagen: «Die Kinder sind gross und feiern Weihnachten nicht mehr mit uns. Ich wollte Weihnachten an die Sonne, aber ich bin sicher, ich vermisse meinen Weihnachtsbaum.» Ihr Mann meinte nur: «Geniess einfach die Sonne, die Wärme und das Meer, der Winter ist noch lang genug.»

Die Frau widersprach: «Nein, Weihnachten ohne Kälte und Schnee, ohne Weihnachtsbaum und Weihnachtslieder ist kein Weihnachten. Ich verreise auf jeden Fall nie mehr zur Weihnachtszeit.»

Sie lehnte sich an den grossen starken Baum und sagte zu ihrem Mann: «Dieser Baum hier wäre ein prächtiger Weihnachtsbaum, einer wie ihn die ganze Welt noch nie gesehen hat.» Der Mann lachte nur: «Du und deine Ideen.»

Der Mammutbaum hatte genau zugehört und kam ins Träumen. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, wie sich Kälte anfühlt, oder wie Schnee aussieht, aber die Vorstellung von Weihnachten faszinierte ihn masslos. Warum nur, so dachte er, konnte er nicht geschmückt mit Kugeln und Kerzen in einer warmen Stube oder in einer Kirche stehen? Er würde die Menschen und vor allem die Kinder erfreuen mit seiner Pracht. Er konnte sich nichts Schöneres mehr vorstellen, als einmal im Leben ein Weihnachtsbaum zu sein. Und je intensiver er davon träumte, umso trauriger wurde er. Zu lange stand er schon auf seinem Platz und das würde sich auch nicht ändern.

Der liebe Gott sah und hörte sehr wohl die Qualen des Mammutbaums und er konnte sie kaum mehr mit ansehen. Er dachte bei sich: «Warum soll ich nicht auch einmal einem Mammutbaum einen Herzenswunsch erfüllen?» Und so geschah es, dass der grosse, schwere Baum im nächsten Winter zur Weihnachtszeit mit dem Airbus A 380, dem grössten Flugzeug aller Zeiten, übers Meer nach Europa flog. Ein wenig aufgeregt war er schon, denn er hatte seine Heimat noch nie verlassen.

Der Flug alleine war schon aufregend, denn es gab einige Turbulenzen. Nach der geglückten Landung wurde er mit drei grossen Kranen auf einen Spezialtransporter geladen. In einer grossen Kathedrale wurde er aufgestellt, was gar nicht so einfach war, weil er so gross und schwer war. Zwei Tage und zwei Nächte lang wurde er von vielen fleissigen Händen geschmückt. Etwa 2000 Kugeln und 1000 Kerzen wurden benötigt. Und ganz zum Schluss musste die Feuerwehr mit der längsten Leiter einen grossen, wunderschönen Stern in seiner Baumkrone anbringen.

So einen mächtigen Weihnachtsbaum hatte die ganze Welt noch nicht gesehen. Wie freute sich der Mammutbaum aus Afrika, als er am Heiligen Abend von so vielen Menschen bestaunt und bewundert wurde. Er kam sich ziemlich wichtig vor und seine Äste zitterten vor Freude.

Da hörte er auf einmal ein leises Schluchzen. Neben ihm stand ein kleiner, trauriger Tannenbaum. Eigentlich war er gar nicht so klein, aber neben dem riesigen Mammutbaum war eben alles und jeder klein. Der grosse Baum rief nach unten: «He du, warum bist du denn so traurig? Ich dachte, Weihnachten ist ein Fest der Freude.» Der Tannenbaum schniefte: «Noch niemals in meiner ganzen Laufbahn als Weihnachtsbaum hat mir ein so grosser Baum die Show gestohlen. Sonst sind die Menschen und vor allem die Kinder immer in mich verliebt.» Und nach einer kleinen Pause: «Aber ich muss zugeben, dass du prächtig aussiehst.» Der Mammutbaum tröstete ihn: «Keine Sorge, kleiner Tannenbaum. Nach Weihnachten gehe ich wieder zurück nach Afrika und nächstes Jahr kannst du wieder Liebe und Freude in die Herzen der Menschen fliessen lassen.»

Erleichtert seufzte der Tannenbaum: «So tragisch ist es gar nicht, einmal unbedeutend zu sein. Manchmal ist es ganz schön anstrengend, von allen bewundert zu werden. Und jedes Jahr werden die Erwartungen der Menschen noch grösser. Alles muss noch besser, noch grösser, noch schöner sein. Dabei vergessen die Menschen leider, dass oft in den kleinen alltäglichen Dingen das grösste Glück liegt.» Dem Mammutbaum aber gefiel es sehr, von allen bewundert und bestaunt zu werden. In Afrika hatte er dieses Gefühl schon lange nicht mehr. Ein lang gehegter Traum hatte sich für ihn erfüllt.

Später, als er wieder mit grossem Aufwand an seinem alten Platz in Afrika stand, war er doch sehr froh, wieder zu Hause zu sein. Die Kälte hatte ihm etwas zugesetzt. Darum konnte er es jetzt auch verstehen, dass manche Menschen an Weihnachten nach Afrika kamen.

Anzeige