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EinzelkinderDas Märchen vom naseweisen Bengel

Es heisst, sie seien altkluge Schlaumeier oder verwöhnte Prinzessinnen - bloss weil sie keine Geschwister haben. Wenn Eltern ihrem Kind aber viel Kontakt mit Gleichaltrigen ermöglichen, ist das alte Klischee schnell widerlegt.

Einzelkinder wünschen sich oft sehnlich einen Bruder oder eine Schwester, doch nicht immer wird dieser Traum wahr: Jedes fünfte Kind in der Schweiz wächst ohne Geschwister auf, so das Ergebnis des Familienberichts des Bundesamts für Statistik.

Auf den Einzelkindern lastet neben dem Gefühl des Alleinseins häufig auch ein hoher Erwartungsdruck, weil sie die Sehnsüchte und Wünsche der Eltern erfüllen sollen - denn nicht selten dienen Einzelkinder ihren Eltern als Projektionsfläche. Die Erwachsenen klammern sich dann ans Kind, sind ängstlich und überhäufen es mit Geschenken, auch um sich auf diese Weise unentbehrlich zu machen. Einzelkinder gelten als Folge davon als verwöhnt, erwachsenenorientiert, altklug und egoistisch - so das gängige Klischee.

Einzelne Töchter haben es leichter als Söhne
Es muss aber nicht so kommen. Die Eltern haben es in der Hand. Der Erziehungsstil sowie die soziale Umgebung der Kinder haben entscheidenden Einfluss darauf, wie es den Kindern geht und wie sie sich entwickeln - darin sind sich die pädagogischen Fachleute einig.

Es stimmt schon: Kindern, die ohne Geschwister aufwachsen, fehlt die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen innerhalb der Familie. Dafür gibt es jedoch Nachbarskinder oder Kinder von Freunden und Verwandten. Auch im Kindergarten, in der Schule oder im Verein können sich Einzelkinder mit anderen messen. Dass den Einzelkindern die gleichaltrigen Verbündeten gegenüber den Eltern fehlen, ist allerdings tatsächlich ein Nachteil.

Von Vorteil kann aber das oft sehr enge Verhältnis zu den Eltern sein: Da Einzelkinder die ungeteilte Aufmerksamkeit der Erwachsenen geniessen, können sie früh ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln.

Ein weiteres Plus: Ein-Kind-Eltern legen in der Regel weniger Gewicht auf geschlechtskonformes Verhalten, so das Ergebnis wissenschaftlicher Studien. Insbesondere Mädchen werden freier erzogen, zumal kein Bruder da ist, für den typische «Buben-Themen» reserviert wären, weshalb der Vater beispielsweise seine Technikbegeisterung der Tochter nahezubringen versucht. Einzelkind-Söhne haben es dagegen häufig etwas schwerer. Die Väter spüren die Verantwortung, die sie als Geschlechtsgenossen ihrem Stammhalter gegenüber haben. «Sie erwarten vom Sohn deshalb auch mehr männliches Verhalten», so der deutsche Psychologe und Pädagoge Hartmut Kasten.

Das Wichtigste: Viele Spielkameraden
Damit Ihr Kind auch ohne Geschwister viel Kontakt mit Gleichaltrigen hat, ist die Pflege des sozialen Netzes unentbehrlich. Halten Sie nach einer Spielgruppe Ausschau, schliessen Sie sich Aktivitäten mit anderen Familien an und unterstützen Sie Ausflüge und Ferien mit Kollegen und Kolleginnen. Auch die externe Betreuung in Kinderkrippe und Hort stärkt die soziale Kompetenz. Hüten Sie sich in jedem Fall davor, das Kind zu sehr in Watte zu packen oder es daran zu hindern, Kontakt mit Spielgefährten zu knüpfen.

So hat Ihr Kind beides: das Privileg, zu Hause nichts teilen zu müssen, und trotzdem ringsherum genügend Spielkameraden.

Veröffentlicht am 29. September 2008