Wer Anita Häne-Hägeli auf das Thema anspricht, muss mit einem Sturm der Entrüstung rechnen: «Wie sollen wir Laien uns in den Spitzfindigkeiten des Erbrechts zurechtfinden? Wir verlassen uns doch auf die Angaben der Gemeinde», empört sich die gebürtige Staufnerin wie auf Kommando. Sie lässt dabei keinen Zweifel offen: Ihr Glaube an die Verantwortlichen im Dorf bei Lenzburg ist erschüttert. Was ist passiert?

Das Ehepaar Häne und alle potenziellen Miterben verliessen sich darauf, dass die Gemeinde Staufen AG korrekt ermittelt hatte, wer die verstorbene Anna Rohr-Hägeli beerben könne. Alle von ihnen hatten das Steuerinventar der Verstorbenen mitsamt der Liste der «gesetzlichen Erben» erhalten und akzeptiert.

Anna Rohr verstarb kinderlos. Die rund 460000 Franken fielen somit ihren fünf Brüdern zu. Zwei von ihnen konnten das Erbe in Empfang nehmen, drei waren bereits verstorben, so dass deren Kinder zu glücklichen Erben ihrer Tante wurden. Unter Letzteren figurierte auch die Adoptivtochter des verstorbenen Joseph Hägeli.

Fürs Erste waren alle zufrieden – bis einer der fünf Brüder verstarb. Eigenartig war nun, dass gemäss der Erbenliste der Gemeinde für diesen neuen Todesfall die Adoptivtochter von Joseph Hägeli nicht erbberechtigt war, obwohl der Verwandtschaftsgrad derselbe war. Fazit: Entweder war die erste oder die zweite Erbteilung falsch.

Das Geld bereits ausgegeben

Die Adoption war nach altem Recht erfolgt. Das war bis 1973 gültig. Danach war die Tochter gegenüber ihren Adoptiveltern erbberechtigt, nicht aber gegenüber den Onkeln und Tanten. Erst das neue Adoptivrecht behandelt adoptierte Kinder gleich wie leiblichen Nachwuchs. Sie können demnach auch die Geschwister der Adoptiveltern beerben. Joseph Hägeli hatte es aber unterlassen, die Adoption nach neuem Recht registrieren zu lassen. Die Tochter wäre deshalb bereits im ersten Fall nicht erbberechtigt gewesen. Die Gemeinde hatte eine fehlerhafte Erbenliste erstellt.

Doch die Adoptivtochter, deren finanzielle Situation nicht rosig war, hatte die 92000 Franken aus dem Erbe von Anna Rohr-Hägeli in guten Treuen bereits ausgegeben; bei ihr war nichts mehr zu holen. Die «richtigen Erben», unter Führung von Anita und Augusto Häne-Hägeli, sind der Meinung, die Panne habe in erster Linie die Gemeinde verursacht. Staufen müsse dafür finanziell geradestehen. In zweiter Linie sei auch die Hypothekarbank Lenzburg zur Kasse zu bitten, da sie das Geld ausbezahlt habe. Die Hypothekarbank Lenzburg winkte mit dem Argument ab, es sei ihr schon aus Gründen des Datenschutzes unmöglich, die Liste der «gesetzlichen Erben» zu überprüfen. Zudem hätten die Erben das Steuerinventar mitsamt der Erbenliste akzeptiert. Auch die Gemeinde Staufen lehnt jede Haftung ab.

Die Erbengemeinschaft setzte ihre Hoffnung auf den Kanton: Der Aargau oder dessen Versicherung sollte ihnen das Geld ersetzen. Doch auch Regierungsrat Kurt Wernli winkt ab. Allein die Gerichte könnten entscheiden. Eine schlichtende Zahlung aus Kulanz sei dem Kanton durch das Verantwortlichkeitsgesetz verboten. Den gerichtlichen Weg liess die Erbengemeinschaft von einer Anwältin abschätzen. Die ernüchternde Antwort: Das Prozessrisiko sei sehr hoch. Anita Häne: «Nachdem wir nun sehr viel Zeit und nicht geringe Kosten für diese Sache investiert haben, können wir uns keinen Prozess mehr leisten.»

Bleibt nur der Ratschlag, Angaben von Gemeinden immer genauestens zu überprüfen – was in einem verzwickten Fall wie diesem aber jeden Laien schlicht überfordert.

Quelle: Stefan Kubli
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