Die Buben hinken den Mädchen hinterher. Ihr Anteil in Sonderklassen ist wesentlich höher, und immer weniger Knaben schaffen es ins Gymnasium. Diese Entwicklung ist nicht neu. Doch wenn man sie kombiniert mit den Gewalttaten betrachtet, die Jugendliche auch jenseits der Pausenplätze verüben, drängen sich neue Fragen rund um Erziehung, Bildung, Chancengleichheit auf. Heute gelten die Knaben als das schwächere Geschlecht, in Diskussionen wird eine angebliche systematische Benachteiligung in der Schule dafür verantwortlich gemacht. Der Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo spricht gar von einer «fahrlässigen Diskriminierung» der Knaben.

Auch Lu Decurtins sieht Handlungsbedarf. Der Sozialpädagoge beschäftigt sich im Netzwerk Schulische Bubenarbeit seit Jahren mit der Situation der Knaben.

Beobachter: Lu Decurtins, was ist los mit den Buben?
Lu Decurtins: Knaben zeigen von jeher andere Eigenschaften als Mädchen. Doch heute werden sie mit ihrem Lautsein und ihrer Wildheit in der Schule oft bloss noch als Störenfriede wahrgenommen. Das ist die Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung. Wir brauchen keine Helden mehr. Heute sind soziale Fähigkeiten, Kommunikation und emotionale Intelligenz gefragt - das sind alles herkömmlich «feminine» Stärken. Hinzu kommt, dass es den Buben immer mehr an männlichen Vorbildern fehlt. Von der Krippe bis ans Ende der Primarschulzeit treffen sie meist auf Frauen. Sie wollen sich aber nicht an diesen orientieren und suchen deshalb andere, weit von der Schule entfernte Vorbilder. Das führt unweigerlich zu Problemen.

Beobachter: Wenn sie gewalttätig werden, ist das ebenfalls eine Folge davon, dass männliche Vorbilder fehlen?
Lu Decurtins: Häufig ja. Es ist ja nicht so, dass ihnen nur in der Schule reale Männer fehlen, sondern zu Hause ebenso. Da keine Männer sich mit ihnen auseinandersetzen und Männlichkeit vorleben, machen sich die Jugendlichen mit Mutproben wie delinquentem Verhalten gegenseitig zu Männern.

Beobachter: Tatsache ist: Immer weniger Männer wollen Primarlehrer werden, und viele Väter leben von den Kindern getrennt.
Decurtins: Es wäre sicher zu begrüssen, wenn wieder mehr Männer mit kleineren Kindern arbeiten würden. Doch auch Frauen können Gegensteuer geben.

Beobachter: Und wie machen die Frauen das?
Decurtins: Eine Lehrerin kann Schüler besser motivieren, wenn sie für Buben wichtige Aspekte wie Teamgeist, praktische Fähigkeiten oder Kollegialität im Unterricht mit einbezieht. Es ist wichtig, festzuhalten, dass an den Schulen bereits einige Kurskorrekturen vorgenommen wurden. So ist es heute schon möglich, besser bei den Stärken der Jungs anzusetzen. Eine davon ist zum Beispiel, dass sie ziemlich pragmatisch sind - das zeigt sich im Französischunterricht.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Decurtins: Ein Knabe fragt sich, weshalb er Französisch können soll, wo er doch Heizungsmonteur werden will und auch bei Computerspielen, Liedtexten oder Videos vor allem Englischkenntnisse braucht. Wie engagiert Buben sein können, wenn sie ein Ziel erreichen wollen, zeigt sich spätestens in der Lehre. Auf einmal wachen sie auf, weil sie realisieren: Wenn sie hier nicht reüssieren, haben sie später keinen guten Job, also kein Geld, also kein cooles Auto - und die tolle Frau würden sie dann sicher auch nicht kriegen. So reissen sie sich zusammen. Die Lehrmeister sind ausserdem meistens Männer, welche die Jungs auf die richtige Art «anzupacken» wissen - mit klaren Forderungen und Grenzen.

Beobachter: Wenn die Geschlechter so verschieden sind, sollte man dann nicht wieder vermehrt getrennt unterrichten?
Decurtins: Das ist sicherlich eine Option, die sich zu betrachten lohnt. Wichtig ist vor allem, dass Mädchen und Buben einige Stunden getrennt voneinander unterrichtet werden. So kann besser auf ihre individuellen Bedürfnisse eingegangen werden.

Beobachter: So sehr die Buben den Mädchen schulisch hinterherhinken - sobald sie im Arbeitsleben integriert sind, scheinen sie schneller vorwärtszukommen. Woran liegt das?
Decurtins: Sie profitieren davon, dass in der nach wie vor von Männern dominierten Arbeitswelt Eigenschaften gefordert sind, die sie in den Jungengruppen einüben konnten. Man hilft sich gegenseitig, pflegt die Kollegialität. Zudem haben sie vermutlich trotz schlechterer Bildung ein Selbstbewusstsein, das ihnen erlaubt, sich auf dem Stellenmarkt gut zu verkaufen.

Beobachter: Woher kommt dieses manchmal sogar übersteigerte Selbstbewusstsein der Jungs?
Decurtins: Unterschwellig wird einem Knaben nach wie vor mehr zugetraut als einem Mädchen. Viele Eltern zweifeln nicht an der Fähigkeit ihres Sohnes, sondern erklären sich dessen schlechte Schulleistungen mit Faulheit. Der Junge meint folglich, dass ihm - wenn er nur will - die Welt offenstehe.

Beobachter: Dann braucht man sich um die jungen Männer von morgen also gar keine Sorgen zu machen?
Decurtins: Wichtig sind die Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und das Verständnis für Buben- und Mädchenprobleme. Bei beiden besteht individueller Handlungsbedarf - ich möchte da nicht das eine gegen das andere Geschlecht ausspielen. Dass Jungs gefördert werden, bedeutet keineswegs, dass nicht weiterhin auch die Mädchenförderung unsere Aufmerksamkeit braucht.