Manchmal hat der Erstklässler Jan auf rein gar nichts Lust. Der drei Jahre älteren Aline ists gelegentlich stinklangweilig, und der 12-jährigen Simone ab und zu sogar megalangweilig. Doch Schlafmützen sind die drei Geschwister nicht: Sie gehen nebst der Schule in den Musikunterricht, in die Pfadi oder in den Turnverein – sie sind aufgeweckt und fröhlich.

«Bei dem grossen Freizeitangebot besteht die Gefahr, dass unsere Kinder keine Zeit mehr haben, die nicht verplant ist», befürchtet Mutter Renata Gägauf. «Action rund um die Uhr ist das Letzte, was Kinder brauchen», sagt auch Vater Raphael Gägauf. «Sie brauchen zwischen Playmobil, DVDs, Vereinsaktivität und Hausaufgaben auch Zeiten, in denen sie zur Ruhe kommen und weder sich noch anderen etwas beweisen müssen.» Dann sei ihnen halt manchmal langweilig.

So gelassen sehen das nicht alle: «Manche Eltern stellen gleich ihre Erziehungsfähigkeiten in Frage, wenn sich die Kinder langweilen», sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Ursula Enderli von der Jugendberatung Blinker in Dietikon ZH. Die Expertin weiss, dass viele Eltern ihre Kinder dauernd ermuntern, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Andere würden aus der Untätigkeit der Kinder den Vorwurf ableiten, sie hätten nichts zu bieten; aus schlechtem Gewissen liessen sie alles stehen und liegen, um die Kinder zu unterhalten.

Für Enderli steht fest: Statt mit Angeboten aufzuwarten und so in die Rolle des Entertainers zu schlüpfen, sei es besser, die Kinder ihre Gefühle von Lustlosigkeit, Überdruss und Trägheit aushalten zu lassen – sofern nicht körperliche oder psychische Probleme verantwortlich sind, dass der Nachwuchs nichts mit sich anzufangen wisse. «Langeweile ist ein Innehalten im umtriebigen Tagesablauf und in der Regel bloss von kurzer Dauer», sagt die Psychologin. So müsse man manchmal einfach geduldig warten, bis sich eine neue Tür auftue, hinter der Fantasie, Neugierde und Erlebnisdrang das Kind wieder zu neuen Taten inspirierten.

Bis es so weit ist, ist das Quengeln der gelangweilten Kinder dann und wann schwierig zu ertragen – davon können alle Eltern ein Lied singen. Um Ruhe zu haben, wird bei Gägaufs dann auch mal der Fernseher eingeschaltet – «wohl wissend, dass dies nicht ausgesprochen pädagogisch wertvoll ist und die Kinder besser Akteure sein sollten als Zuschauer», so Sozialarbeiter Raphael Gägauf. «Ein Familienalltag ist schliesslich nicht Vorzeigepädagogik aus dem Erziehungsratgeber», ergänzt seine Frau. Die beiden versuchen jeweils, die Kinder aus der Trägheit herauszukitzeln, ihnen Impulse zu geben – sie zu animieren statt zu unterhalten.

Mit der Langeweile kreativ umgehen

Aber immer klappt das nicht: «Wenn es mir so richtig todlangweilig ist, dann finde ich alle Vorschläge sowieso blöd», sagt Tochter Aline. Wenn es ihr sterbenslangweilig ist, legt sie sich aufs Bett und wartet, bis ihre Stinklaune vorbei ist. Irgendwie vergehe diese nämlich plötzlich wieder, wenn sie Musik höre, in Büchern rumblättere oder zum Fenster rausschaue: «Und manchmal räume ich einfach mein Zimmer auf, wenn ich meine CDs und meine Bücher nicht mehr finde.» Ihre ältere Schwester Simone hat sogar eine Strategie entwickelt, mit der sie aus der Lethargie rauskommt: Sie schreibt auf Zettel, worauf sie überhaupt keine Lust hat – und was ihr zumindest ein wenig Spass machen könnte. Und Jan? Weil Leerlaufzeiten so viel Energie erfordern, wird er jeweils müde, legt sich aufs Bett und hört zum Einschlafen Kasperlitheater. Wenn er erwacht, sprüht er wieder voller Lebensfreude.

Mit Ablenkung allein lässt sich die kurzzeitig erlahmte Lebenslust nicht wiederherstellen. «Es geht nicht darum, die Langeweile so schnell wie möglich zu bekämpfen», sagt Fachfrau Ursula Enderli. Wer dagegen lange Weilen akzeptiert, kann auch mal seine schlechten Launen aushalten, kommt mit sich selber besser zurecht und findet in schwierigen Zeiten kreative Lösungen. Und als Erwachsener läuft er weniger Gefahr, unangenehme Gefühle mit Alkohol, Pillen und anderen Drogen bekämpfen zu wollen. Konkret: Langeweile zu erdulden ist auch Suchtprävention.

Quelle: Andreas Eggenberger
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