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ErziehungSchöne Gewohnheit

Ob Gutenachtgeschichte, Ämtliplan oder kleine Belohnungen: Mit eingespielten Ritualen finden sich Kinder im Alltag leichter zurecht.

Rituale? Junge Eltern sind oft ratlos und bringen den Begriff mit religiösen Traditionen und exotisch-esoterischen Kulten in Verbindung oder denken, das sei ein alter Zopf. Diese Erfahrung machte auch Margrit Müller-Marty. Die Erwachsenenbildnerin aus Schattdorf UR schrieb zusammen mit Liselotte Bricker-Grepper den Kurs «Brauchen Kinder Rituale?» für junge Erziehende aus. Die rund 20 anwesenden Mütter zeigten sich verunsichert. Der Gedankenaustausch und die Motivation der Kursleiterin bestärkten sie dann darin, Rituale vermehrt in den Alltag einzubauen. «Ein Leben ohne Rituale ist für mich unvorstellbar», erklärt Müller-Marty. Allerdings dürfen diese nicht zum Zwang werden oder in einem sturen Rahmen ablaufen. «Von gewissen Ritualen muss man sich im Laufe der Zeit auch verabschieden können», sagt die Mutter von vier erwachsenen Kindern. Die Persönlichkeit des heranwachsenden Menschen verdiene in jedem Fall Respekt.

Besonderen Wert auf Rituale legt auch die Aarauer Erziehungsberaterin Sarah Renold. «Sie vermitteln dem Kind emotionale Sicherheit und geben dem Tagesablauf eine Struktur», so die Autorin des neuen Beobachter-Elternratgebers «Motivierte Kinder - zufriedene Eltern». Zu den wichtigsten Ritualen im kindlichen Alltag zählt die Mutter einer zweijährigen Tochter das Gutenachtritual und das Essensritual: «Das Kind braucht einen Tagesabschluss.» Dabei sind der Fantasie und der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Die Eltern sind gefordert, die Bedürfnisse und Vorlieben der Kinder auszuloten und bei der Umsetzung motivierend Hand zu bieten. Ein Ritual baue auf Freiwilligkeit und dürfe keinesfalls als Machtinstrument beispielsweise zur Bestrafung eingesetzt werden: «Rituale sind heilig.»

So ist etwa in der vierköpfigen Familie Frey-Schneiders aus Aarau das Abendritual nicht mehr wegzudenken. «Auf diese Weise entsteht nie ein Gschtürm», sagt Mutter Iris. Nach dem Nachtessen dürfen sich die zwei- und dreieinhalbjährigen Buben noch austoben. Dann ist Tenüwechsel angesagt. Nach einem Glas Milch begleiten die Eltern die Kinder ins Bett. «Mit dem Gutenachtgeschichtchen wechseln wir uns ab», erzählt die Mutter. Die Buben wüssten genau, dass der Vater aus einem spannenderen Buch vorlese als sie. Nach dem Schlaflied ist Bettruhe.

Die Bedeutung des Abendrituals in der heutigen Familie stand sogar im Mittelpunkt eines nationalen Forschungsprojekts des Instituts für praktische Theologie der Universität Bern. Die Zwischenbilanz spricht den Müttern und Vätern ein gutes Zeugnis aus: Von den 1’300 befragten Eltern mit mindestens einem fünfjährigen Kind pflegen fast alle ein Abendritual und nehmen sich dafür durchschnittlich 20 Minuten Zeit. 37 Prozent beten vor dem Schlafengehen. In jeder dritten Familie wird das Lied «I ghöre es Glöggli» angestimmt. «Grundsätzlich ist das Abendritual ein Stück Heimat und trägt zur Verwurzelung bei», fasst Christoph Morgenthaler, Theologieprofessor und Projektleiter, die ersten Ergebnisse zusammen.

Dass mehr als die Hälfte der befragten Eltern angaben, ihr jetziges Abendritual unterscheide sich kaum von demjenigen aus ihrer eigenen Kindheit, erstaunt Susanna Maeder Iten nicht. Die Ausbildungsleiterin an der Fachschule für Rituale und Mutter zweier Töchter sagt: «Von den Ritualen in der Kindheit bleibt immer etwas hängen.» Laut Maeder binden Rituale die Kinder in die Rhythmen der Natur ein. In Gruppenkursen bietet sie in ihrem atmosphärisch stimmigen Klangatelier in Bubikon im Zürcher Oberland «Rituelles Singen» für Kinder an. «Die Kleinen schöpfen daraus Kraft und Freude», sagt sie. In der heutigen Überflussgesellschaft und Hektik seien Rituale «Anker im menschlichen Dasein».

Vom sorgsamen Umgang mit Ritualen weiss Sylvia Landolt, Kindergärtnerin im Chindsgi Suntenwiese in Rüschlikon ZH, ein Lied zu singen. Sie ist immer wieder erstaunt, wie aufmerksam ihr die Kinder beim Erzählen zuhören: «Einige merken genau, wenn ihre Lieblingsgeschichte gekürzt wird oder Formulierungen nicht stimmen.» Sie ergänzt: «Viele Rituale dienen der Organisation des Kinderalltags, andere wiederum helfen, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen.» Als Beispiel führt Sylvia Landolt den «Ämtliplan» an. Auf der einen Seite helfe er, die Lehrerin zu entlasten, anderseits ermögliche der Plan den Kleinen, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten, Verantwortung mitzutragen und an Selbstständigkeit zu gewinnen.

Rituale leben von der Wiederholung und vermitteln dem Kind Verlässlichkeit. «Durch einen klaren Anfang und ein Ende wird für das Kind eine Handlung berechenbar», so Erziehungsberaterin Sarah Renold. Dies sei für ein Kind wichtig, weil es dann wisse, worauf es sich einlasse. Doch ein Ritual könne sich nur entfalten, wenn die Kinder motiviert sind. Ihr Leitsatz: «Kinder motivieren heisst Kinder verstehen.»

Veröffentlicht am 18. Juli 2006