Das bestgehütete Geheimnis meiner Kindheit: Ich war kein Mädchen, sondern ein Junge. Und zwar einer mit indianischen Wurzeln. Einer, der sich allein durchs Leben schlug, mit Pferd, Äffchen und Hund. Einer, der es nicht leicht hatte, aber es immer schaffte. Kurz gesagt: Ich war ein Held. Dieses fiktive Parallelleben führte ich monatelang. Wenn ich draussen unterwegs war, hielt ich meine Hände so, als ob ich Zügel in den Händen hätte. Aber das merkte niemand sonst. Nur meine beste Freundin war eingeweiht und durfte manchmal mitspielen.

Die Welt von Kindern ist voller Geheimnisse: Geheimgänge und -sprachen, geheime Schätze, Freundschaften und Spiele. Fragt man Kindergärtler nach der Bedeutung eines Geheimnisses, so sagen sie, es sei etwas, was man nicht sagen darf oder will. Doch obschon sie dies wissen, erzählen sie Geheimnisse der nächstbesten Person weiter. Geheimnisse sind in diesem Alter oft Ausdruck einer stark ausgebildeten Phantasiewelt.

Fünfjährige können aber bereits zwischen «guten» und «schlechten» Geheimnissen unterscheiden. Zu den schlechten gehören Übertretungen von Verboten (etwas stibitzen, im Zimmer der Schwester herumwühlen) oder Missgeschicke (mit Kakao kleckern, Mamas Parfüm zerschlagen). Die guten Geheimnisse umfassen vor allem besondere Kenntnisse (ein gutes Versteck oder eine Geheimschrift kennen).

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Zwischen Verrat und Erleichterung

Was jüngere Kinder arglos tun, ist für ältere tabu: petzen. Schulanfänger sind noch der Meinung, dass Schlimmes und Gefährliches den Erwachsenen gemeldet werden muss. Oft erzählen sie, was der andere gemacht hat – ist das nun gepetzt oder nicht? Da jüngere Kinder dabei vor allem auf die Hilfe der Eltern hoffen und noch gar kein Bewusstsein von Verrat haben, sollte man sie unbedingt anhören. Danach kann man immer noch entscheiden, ob ein Eingreifen nötig ist oder ob die betroffenen Kinder selbständig damit umgehen können.

Erst mit etwa zehn bis zwölf Jahren gewinnt die Geheimhaltung an Bedeutung. Das Petzen gilt nun als Verrat und ist arg verpönt. Das Bedürfnis nach Abgrenzung und einer Ausweitung der eigenen Privatsphäre wird immer grösser. Geheimnisse begleiten somit auch die Entfaltung der eigenen Identität.

Trotzdem: Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind von einem Geheimnis bedrückt wird, sollten Sie es in einem ruhigen Moment dazu ermutigen, sich Ihnen anzuvertrauen. Denn das Offenbaren von Mobbing, Misshandlung oder sexuellen Übergriffen kann überlebenswichtig sein. Nur wenn ein Kind darauf vertrauen kann, dass es weder Strafe noch Schuldgefühl, sondern eine gemeinsam gefundene Lösung für das Problem erwarten darf, wird es sich von dieser Last befreien können.

Die Geheimnisse von Kindern sollten respektiert werden. Denn auch Kinder haben das Recht auf Privatsphäre. Heimlich in den Sachen eines Kindes zu schnüffeln ist kein Vertrauensbeweis. Sinnvoller ist es, seinem Kind Raum anzubieten, in dem es seine Geheimnisse bewahren kann: Ein Tagebuch, eine Schatzkiste oder gar ein Baumhaus eignen sich besonders gut. Auch Märchen und Rituale sind voll von Geheimnissen, ohne die ein gewisser Zauber fehlen würde. Oder wollen Sie etwa verraten, welche Geschenke Sie für Ihre Lieben an Weihnachten parat halten?