Probieren Sie es mit einem Gespräch: Sagen Sie Ihrem Sohn, dass Sie sich Sorgen machen, und fragen Sie ohne Vorwurf, ob er selber eine Theorie darüber habe, wieso er so handelt. Wenn es nur um die Sache – ohne Bewertung – geht, wird es möglich, ein Verhalten zu analysieren. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass es mit der Motivation für die Schule hapert oder dass im Gegenteil ein zu grosser Perfektionismus der Grund für die ineffiziente Lernstrategie ist. So hat Ihr Sohn für sich selbst immer eine Entschuldigung dafür, keine Bestnoten zu erzielen: Er hat ja zu spät mit Lernen begonnen. Dieses Muster findet sich bei vielen Schülern und Studenten.

Unter Erwachsenen gibt es aber noch viel schwerere Formen. Die Psychologen sprechen von Prokrastination. Der Begriff kommt aus dem Englischen und entspricht etwa den deutschen Wörtern «Aufschieberitis», Aufschieberei oder etwas altmodisch Saumseligkeit.

Normalerweise haben wir eine Reihe von Dingen im Kopf, die zu erledigen sind. Wir setzen Prioritäten, fangen mit dem Wichtigsten und Dringendsten an und arbeiten uns dann schrittweise durch den Aufgabenberg. Wer unter Aufschieberitis leidet, sortiert den Katalog dauernd um, statt ein Element davon anzupacken: Eigentlich wollte man hinter die Steuererklärung, merkt dann aber, dass einem ein Teil der Unterlagen fehlt. Beim Gang durch die Küche sieht man, dass da noch ungewaschenes Geschirr steht, also erledigt man das noch schnell vorher. Dabei spürt man, dass man noch hungrig ist und einem ein Joghurt jetzt guttun würde. Im Kühlschrank ist aber keines mehr, also geht man schnell in den Laden gleich nebenan. Wenn man schon dort ist, könnte man gerade die ganzen Einkäufe erledigen, dann wäre das schon gemacht. Und so geht es den ganzen Nachmittag weiter. Am Abend hat man mit der Steuererklärung noch immer nicht begonnen; man hat das Gefühl, nichts Rechtes gearbeitet zu haben, ja es sei einem die Zeit verloren gegangen. Man ist unzufrieden, und das Selbstbewusstsein leidet.

In einer milden Form kennen wir das alle. Wir schieben immer wieder unangenehme Aufgaben vor uns her, in der Hoffnung, dass sie sich selber erledigen, was natürlich in den seltensten Fällen eintritt. Hier hilft oft eine Analyse der Situation, die uns sagt, wieso wir gewisse Dinge auf die lange Bank schieben. Wenn wir es erkannt haben, fällt uns die Erledigung leichter. Eine nützliche Taktik ist auch, nicht den ganzen Berg von Pflichten anzuschauen, sondern immer gerade das zu erledigen, was vor einem liegt.

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Es heisst zwar «Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute», doch psychologisch ist das falsch. Aufschieber sind nicht einfach faul. Eine schwere Störung ähnelt vielmehr einer Depression. Man kann also nicht einfach an die Willenskraft der Betroffenen appellieren. Wer unter schwerer Aufschieberei leidet, braucht psychotherapeutische Hilfe. In leichteren Fällen können wir jedoch auch alleine Fortschritte machen.

  • Notieren Sie alle zu erledigenden Aufgaben auf einer Pendenzenliste und streichen Sie lustvoll, was erledigt ist.

  • Packen Sie das Unangenehmste immer zuerst an.

  • Versuchen Sie zu analysieren, was hinter Ihrer Aufschieberitis verborgen ist: Sind meine Ziele zu hoch gesteckt, bin ich zu perfektionistisch? Oder: Bin ich eigentlich am richtigen Ort? Ist das die Arbeit, für die ich wirklich motiviert bin?

  • Fragen Sie sich: Ist mir meine Aufschieberitis unerklärlich? Beginnt sie, meinem beruflichen Erfolg und meinen sozialen Beziehungen zu schaden?


Die Antworten auf diese Fragen sollten dazu führen, dass Sie wenn nötig Ihre Ansprüche an sich selbst zurückschrauben, dass Sie allenfalls die Tätigkeit oder gar den Beruf wechseln oder dass Sie therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.