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Bilinguale ErziehungSollen Kinder mehrsprachig aufwachsen?

Maman, Papà und Tochter: Viele Kinder wachsen mehrsprachig auf. Bild: Pixdeluxe / iStockphoto

Wer mehrere Sprachen spricht, hats leichter in unserer globalisierten Welt. Es fragt sich nur, ob man schon Kleinkinder darauf trimmen soll.

von Käther Bänzigeraktualisiert am 2017 M06 08

Kinder, die zweisprachig aufwachsen, sind nicht nur sprachlich im Vorteil. Laut Studien können sie sich früher in andere einfühlen und sind im Alter länger vor Alzheimer geschützt, da sie oft beide Hirnhälften gleich stark benützen.

Kinder lernen mühelos zwei Sprachen gleichzeitig – sofern die Eltern einige Punkte beachten. Einer der wichtigsten lautet: eine Person – eine Sprache. Das heisst, dass sich die Eltern mit dem Kind immer in ihrer Muttersprache unterhalten sollen. Da falle es einem am leichtesten, Gefühle und Meinungen in all ihren Feinheiten auszudrücken, sagt der Freiburger Familienpsychologe Dominik Schöbi. «So gibt es keine Diskrepanz zwischen Worten und Gestik

Kinder können Sprachen unterscheiden

Kinder entwickeln das Sprechen durch Vorbilder. Also dadurch, dass man viel mit ihnen spricht. Am besten sind die Fortschritte in Familien, in denen das gesprochene Wort einen hohen Stellenwert hat, wie eine grosse Studie der Uni Freiburg zeigt. Fehler und Lautverdrehungen gehören wie bei allen Kindern zur normalen Entwicklung. Statt die Kleinen dafür zu kritisieren, sollten Eltern den Satz richtig wiederholen, damit das Kind hört, wie es richtig heisst.

Das gilt auch für ein Kind, das zweisprachig aufwächst. Etwa wenn es im Moment deutsch redet, aber mitten im Satz ein englisches Wort braucht oder aus einem türkischen und einem deutschen Wort eine neue Wortschöpfung kreiert. Anlass zur Sorge ist das alles nicht: Die Fähigkeit, die beiden Sprachen klar voneinander zu trennen, wächst mit dem Kind.

Deutschunterricht für die Kleinsten

Weniger Glück haben Kinder von Eltern, die beide kein Deutsch sprechen. Wie sollen sie in der Schule mitkommen, wenn sie den Lehrer nicht genau verstehen? Wie einfach das Problem zu lösen ist, zeigt Basel-Stadt. Der Kanton schickt Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, ab dem dritten Lebensjahr mindestens zwei halbe Tage pro Woche in eine Spielgruppe oder Kindertagesstätte. Dort lernen sie im wahrsten Sinn des Wortes spielerisch Deutsch, wenn sie mit deutschsprachigen Kindern zusammenkommen.

Die Basler Erkenntnisse des obligatorischen Deutschunterrichts für die Kleinsten sind ermutigend. Sie zeigen aber auch, dass zwei halbe Tage nicht genügen, um im Kindergarten auf dasselbe Sprachniveau zu kommen wie Kinder mit einem oder zwei Elternteilen mit Muttersprache Deutsch.

Aber auch Kinder mit gänzlich fremdsprachigem Zuhause sind durch eine zweite Sprache nicht überfordert. Ihre Eltern sollten mit ihnen konsequent in ihrer Muttersprache reden – selbst wenn sie schon gut Deutsch sprechen. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Je besser ein Kind die Sprache seiner Eltern beherrscht, umso leichter fällt es ihm, weitere Sprachen zu lernen. Ausserdem ist die Muttersprache ein wichtiger Pfeiler bei der Identitätsfindung. Und oft ist sie ganz einfach die einzige Möglichkeit, sich mit Grosseltern und anderen Verwandten wirklich zu unterhalten.

Der verkannte Vorteil der Secondos

Leider wird Zweisprachigkeit nicht immer als Gewinn geschätzt. Lehrpersonen sehen häufig nur, dass ein Kind schlechter Deutsch spricht als andere. Dass es dafür aber fliessend Arabisch spricht, erkennen sie nur selten als Fähigkeit. Welche Auswirkungen diese negative Haltung auf die Kinder hat, ist kaum erforscht.

Hinlänglich bekannt ist dagegen, wie wichtig positive Feedbacks für den Lernerfolg sind. Gerade ein mehrsprachig aufwachsendes Kind braucht Eltern, die sich aufrichtig über seine Fortschritte in der Umgebungssprache freuen und sie als Gewinn betrachten. Völlig kontraproduktiv wäre es, die Herkunftssprache zu Hause zu verbieten. Vor allem, wenn die Geschwister unter sich sind, müssen sie frei wählen dürfen, wie sie sich unterhalten.

Wirklich authentisch sind Menschen nur in ihrer Muttersprache.


Dominik Schöbi, Professor für Klinische Familienpsychologie, Universität Freiburg

Doch lässt sich Zweisprachigkeit auch erzwingen? Wie können deutschsprachige Eltern dem Nachwuchs zwei Sprachen aufs Mal beibringen? Sicher ist, dass sie dem Kind keinen Gefallen erweisen, wenn sie es in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache erziehen – auch nicht, wenn sie glauben, fliessend Englisch oder Französisch zu beherrschen. «Wirklich authentisch sind Menschen nur in ihrer Muttersprache», so Familienforscher Schöbi.

Für Eltern, die dem Nachwuchs früh eine weitere Sprache nahebringen wollen, gibt es heute zahlreiche zweisprachige Kindertagesstätten, in denen die Betreuerinnen meist englisch und deutsch sprechen. Eine weitere Variante ist ein fremdsprachiges Au-pair-Mädchen, das mit dem Kind in seiner Muttersprache spricht.

Allzu viel sollte man von solchen Experimenten jedoch nicht erwarten. Ob die Kinder so eine Zweitsprache auch verinnerlichen, ist für Experten inzwischen fraglich. Denn man lernt eine Sprache, indem man sie braucht. Selbst bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, gibt es fast immer eine starke und eine schwache Sprache.

Helfen Sie dem Kind, sich richtig auszudrücken

  • Sprechen Sie hauptsächlich in Ihrer Muttersprache mit dem Kind, um die beste Beziehung zu ihm aufbauen zu können.
  • Ihre eigene Haltung überträgt sich auf das Kind: Zeigen Sie ihm, wie wichtig und nützlich es ist, zwei oder mehr Sprachen zu beherrschen. Und auch, dass Sie alle Sprachen gleich schätzen, die es lernt.
  • Falls Deutsch nicht Ihre Muttersprache ist: Scheuen Sie sich nicht, diese öffentlich zu benutzen. Zeigen Sie auch in Kindergarten und Schule, dass Ihnen die Familiensprache wichtig ist. Das ist nicht unhöflich.
  • Entdecken Sie mit dem Kind die gemeinsame Lebenswelt. Sprechen Sie mit ihm über Dinge, mit denen es sich gerade beschäftigt. Dann ist es aufmerksamer und nimmt die Sprache besser auf.
  • Sprachen lernt man durch Sprechen. Fernsehen ist nur nützlich, wenn Sie sich mit dem Kind danach auch über die Sendungen unterhalten.
  • Unterbrechen Sie das Kind nicht beim Sprechen. Geben Sie ihm Zeit, seine Gedanken formulieren zu können.
  • Pflegen Sie Sprachrituale: Fingerspiele, Lieder, Sprüche, Verse machen Spass.
  • Erzählen Sie dem Kind regelmässig Geschichten, schauen Sie Bilderbücher mit ihm an, lesen Sie ihm vor. All das hat einen sehr positiven Einfluss auf die sprachliche Entwicklung.

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