So cool! Da schmökerten wir Gruftis in revolutionären Schriften, studierten die «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung» und stellten uns höchst relevanten Fragen: «Soll ich meiner Mutter sagen, wo die Babys herkommen?» Oder: «Mein vierjähriger Junge onaniert viel. Was kann ich machen?» Und Alexander Sutherland Neill, der Oberapostel der antiautoritären Summerhill School, wusste auf alles eine Antwort: Nur freie Menschen werden glückliche Menschen, nur die Liebe heilt. Wie schön! Was hatten unsere Eltern nicht alles falsch gemacht.

Und jetzt? Die Kinder Summerhills stossen an ihr Limit – als überforderte Eltern, als entnervte Lehrpersonen. Denn die Jugend wird wieder einmal immer schlimmer. Wer bringt ihr Manieren bei? Und wie? Plötzlich sind Vorbilder gesucht, Bussen und Strafinternate im Gespräch. Pädagogen wollen sogar eine Verschärfung des Jugendstrafrechts. Das ist Aktionismus am falschen Ort. Ich fordere die Prügelstrafe – für vergessliche Eltern.

Wie war das denn damals? Ich erinnere mich, wie mein älterer Bruder mit schulterlangen Haaren und Karl Marx unterm Arm meine Eltern in Aufruhr versetzte. Das war 68. Meine eigene Revolte geschah in den frühen achtziger Jahren: Jugendkrawalle, AJZ, Friedensdemos. Eine alte Lambretta trug mich von Event zu Event.

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Grenzen verletzen, provozieren, Verbotenes tun: Das gehört zur Jugend wie der Stimmbruch zur Karriere eines Wiener Sängerknaben. Die Frage ist also, wo für die Gross- und Urgrosskinder Summerhills die Grenzen liegen. Was können sie tun, was ihre Eltern wirklich noch erschüttert? Sex mit 15? Das hatten die Alten doch schon mit 14. Politisch randalieren? Allenfalls in der SVP. Heimlich kiffen? In Papas rauchfreier Vollkornwelt – okay.

Wir empören uns, dass Jugendliche machen, was uns missfällt. Doch was taten wir selbst? Wir suchten die Welt jenseits gängiger Normen: ein Horror für die Eltern, ein Reifeprozess für uns selbst. Wen also überrascht es, wenn junge Leute erneut den Aufprall in der moralischen Knautschzone wagen?

Natürlich nerven mich ungezogene Boys und freche Girls. Aber noch mehr ärgern mich Eltern und Erzieher, die ihre Grenzen im pädagogischen Nirwana ziehen. Und die sich dann wundern, dass Jugendliche genau das tun, was wir selber taten: die Grenzen überschreiten – dort, wo diese liegen.

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