Erwachsene und Eifersucht: Das ist der Stoff unzähliger Tragödien. Doch auch Kinder sind davor nicht gefeit. Sie können ebenso eifersüchtig auf das neue Geschwisterchen sein wie später ein Mann auf einen andern, der mit seiner Partnerin flirtet. Wir erheben nun einmal intuitiv Besitzansprüche auf Menschen, die uns wichtig sind. Eifersucht begleitet uns ein ganzes Leben lang.

Für Bens Eltern war denn auch klar: Ist die kleine Schwester erst mal geboren, wird er eifersüchtig reagieren. Und so befolgten sie alles, was in vielen schlauen Ratgeberbüchern steht. Dinge wie: «Beziehen Sie Ihr Kind beim Wickeln und Füttern des Babys mit ein», oder: «Schauen Sie gemeinsam Babyfotos von Ihrem Grossen an und stellen Sie gemeinsam das Zimmer um. So fühlt er sich nicht abgeschoben, seine Eifersucht wird sich in Grenzen halten.»

Leider kam es nicht so. «Erst war alles wunderschön, Ben war so lieb», erzählt die Mutter an der Erziehungs-Hotline des Beobachters. «Nun ist die Kleine acht Monate alt, und ich erkenne Ben nicht wieder. Plötzlich macht er wieder ins Bett, weint viel und ist aggressiv.» Das sei doch nicht normal, so die verzweifelte Mutter.

Doch! Eifersucht gegenüber einem Geschwister ist eine normale Reaktion. Das ältere Kind fühlt sich unsicher, hilflos und weiss nicht, wie es mit der neuen Situation umgehen soll. Es hat erst jetzt so richtig realisiert, dass da ein anderes Kind ist, das Mama und Papa ebenfalls vergöttern. Es ist sich plötzlich der absoluten Liebe seiner Eltern nicht mehr sicher. Und nun will es sich diese uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Zuneigung mit allen Mitteln zurückerobern. Egal, was es tut oder lässt, es möchte signalisieren: «Hallo, ich bin auch noch da, kümmere dich gefälligst um mich!» Gutgemeinte Worte wie «Wir haben dich genauso lieb wie deine Schwester» oder «Du bist unser Grosser und schon viel selbständiger» helfen da nicht.

Besondere Streicheleinheiten

Ben braucht Sicherheiten. Rituale können helfen – wie etwa besondere wöchentliche Aktivitäten nur für ihn oder täglich ausgedehnte Gutenachtgeschichten. Man muss Ben mit Taten spüren lassen, dass er genauso geliebt wird wie seine Schwester und genauso viel Aufmerksamkeit erhält.

Bens Mutter hat dann immer mittwochs, wenn ihr Mann zu Hause ist, mit Ben allein etwas unternommen und mit ihm täglich lange Kuschelzeiten eingeplant. Das gefiel Ben. Irgendwann meinte er aber, dass er jetzt nur noch kurz kuscheln wolle, er sei ja schon gross. Von da an hat er stolz bei der Babypflege mitgeholfen.

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Ben hat gelernt, mit seiner Eifersucht umzugehen. Aber es wird immer wieder zu neuen Ausbrüchen kommen. Und es wird wiederum darum gehen, ihm jene Aufmerksamkeit zu schenken, die er braucht – seine Stärken aktiv zu unterstützen und weder ihn noch die Schwester zu bevor­zugen oder sie miteinander zu vergleichen.

Denn: Wenn wir uns selbstbewusst und stark fühlen, wird die Eifersucht eingedämmt. Und wir müssen nicht als tragische Helden enden.

Buchtipp

Bärbel Spathelf: «Immer nur Philip. Wie Geschwister lernen, nicht mehr eifersüchtig zu sein und eigene Stärken zu entdecken»; Verlag Albarello, 2010, 28 Seiten, Fr. 19.90, ab 4 Jahren