Eine Birne – was gibt es an der schon zu entdecken? Walliser Kinder, die am mehrjährigen Projekt «Senso 5» mitmachen, wissen: jede Menge. Die ulkige Form, oben schmal, unten bauchig. Die winzigen Sommersprossen auf der leuchtend gelben Haut. Der süsse Duft, wenn man an ihr schnuppert. Das Knacken, wenn man hineinbeisst. Der süsse und gleichzeitig säuerliche Geschmack des saftigen Fruchtfleischs. Die Birne ist eine Verwandlungskünstlerin: Man kann sie essen, wie sie ist. Oder schälen und in Schnitze schneiden. Zu Mus kochen oder zu Saft pressen. Und wenn man kleine Birnenstücke mit Kiwis und Pflaumen mischt, bekommt man einen bunten Fruchtsalat.

Lebensmittel erkunden, lernen, wie sie ursprünglich aussehen und wozu man sie verarbeiten kann. Wie sich Farbe, Form, Konsistenz, Geruch und Geschmack ändern. Und welche Aromen sich entwickeln, wenn man Nahrungsmittel kombiniert – die rund hundert «Senso 5»-Kinder gehen auf Entdeckungsreise. Sie lernen schon im Kindergarten, Essen mit allen Sinnen zu erkunden. Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Wie riecht es? Welches Geräusch macht es beim Reinbeissen? Wie schmeckt es? Und wie lässt sich der Geschmack beschreiben? Für die Kinder ein Spiel. Für Sensorik-expertin und Lebensmittelingenieurin Anne-Claude Luisier ein Projekt mit ernstem Hintergrund: Falsche Ernährungsgewohnheiten seien schliesslich etwas vom Schädlichsten für Gesundheit und Wohlbefinden. Das mehrjährige «Senso 5»-Projekt steht unter dem Patronat der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung.

Der Lust- und Spassfaktor entscheidet

«Viele Vorsorgeprogramme konzentrieren sich nur auf Ernährung und Bewegung. Die sensorischen Aspekte aber kommen zu kurz», so Anne-Claude Luisier. Dabei hätten Kinder ein angeborenes Bedürfnis, beim Essen alle Sinne einzusetzen, denn Riechen, Schmecken, Tasten, Sehen und Hören versprechen Freude und Genuss. Kinder beurteilen Essen nicht nach dem Gesundheitswert, sondern danach, was Vergnügen verspricht. «Dieser Lust- und Spassfaktor ist einer der Schlüssel für gute Ernährungsgewohnheiten», weiss Expertin Luisier. Deshalb sei es so wichtig, beim Essen das Sinnesempfinden der Kinder zu fördern und in die richtige Bahn zu lenken.

Wer früh lernt, beim Essen alle fünf Sinne einzusetzen, greift eher zu komplexen Lebensmitteln. Und liebt es, wenn möglichst viele Empfindungen aktiviert werden: statt des pappigen, faden Brötchens lieber ein dunkles Brot mit duftender, knuspriger Rinde und knackigen Kürbiskernen. Diese Erkenntnisse stammen aus Degustationen mit den «Senso 5»-Kindern: Die kleinen Tester können aus bis zu 60 Proben wählen – von Ananas über Chicorée und Oliven bis hin zu Thunfisch und Trauben.

Wie wichtig es ist, beim Essen die Sinne zu schulen, untermauert eine Studie aus Österreich, bei der fast 400 Schulkinder zwischen 10 und 13 Jahren Geschmacks- und Geruchstests machen mussten. Drei von vier Kindern konnten die vier Grundgeschmacksarten süss, salzig, bitter und sauer nicht fehlerfrei erkennen. Auch bei den Geruchstests mit «Sniffin’ Sticks» – Riechstiften – schnitten die Kinder schlecht ab. Lediglich jedes neunte Kind konnte elf Gerüche wie Orange oder Pfefferminze richtig benennen. Woran es liegt? Dazu gibt es bislang nur Vermutungen: Fast Food, sehr süsse Getränke, viel Weissbrot, wenig Früchte und Gemüse – das alles kann eine Rolle spielen.

Vorlieben werden vor der Geburt geprägt

Studienleiter und Lebensmittelforscher Klaus Dürrenschmid nennt zwei weitere mögliche Gründe: den Konsum von künstlich aromatisierten Produkten und die Tatsache, dass viele Kinder Lebensmittel in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr kennen. Sein Vorschlag: «Kinder an den Herd!» Eine Forderung, die Nathalie Metzger vom schweizerischen Verband der diplomierten Ernährungsberater unterstreicht. «Kinder sollten beim Einkaufen und Kochen helfen, sooft es geht.» Sie lernen so, was es alles braucht, um ein Essen zuzubereiten, und sie sehen, dass man die Zutaten ganz unterschiedlich verarbeiten kann.

Wie essen wir, was schmeckt uns? Manche Vorlieben werden vererbt, andere schon vor der Geburt geprägt – durch das, was die Schwangere isst. «Über die Nabelschnur und das Fruchtwasser lernt das Kind den Geschmack der Lebensmittel kennen; diese Geschmacksempfindungen bevorzugt es auch nach der Geburt», heisst es beim nationalen Präventionsprogramm «Swiss Balance». Daher die Empfehlung: «Essen Sie während der Schwangerschaft möglichst abwechslungsreich. Damit sorgen Sie dafür, dass Ihrem Kind später eine Vielfalt an Geschmacksrichtungen bereits vertraut ist.» Und: «Ernähren Sie sich auch nach der Geburt ausgewogen, so lernt der Säugling bereits mit der Muttermilch verschiedene Geschmacks- und Geruchsnoten kennen.» Das Baby lernt zu geniessen – und damit ist der Grundstein gelegt für eine ausgewogene Ernährung.

Ungewohntes auf dem Teller

Mit zwei bis drei Jahren kommen ­Kinder in die wählerische Phase. Sie verweigern neue Nahrungsmittel, man spricht von Neophobie. Manchmal lehnen sie auch bekannte Gerichte ab, nur weil sie anders aussehen. Für das Kind Teil seiner Entwicklung, aber für Eltern oft nervend. Fachleute raten zu Geduld und Beharrlichkeit: dem Kind immer wieder neue Speisen anbieten, es aber zu nichts zwingen. Kleiner Trost: Der Widerstand gegen Neues lässt im Alter von fünf bis sieben Jahren nach.

  • Bereiten Sie immer neue Gerichte zu. Nutzen Sie Ferien, um sich mit dem Kind an neue Speisen zu wagen, neue Geschmacksvarianten zu entdecken.

  • Spielen Sie bei der Zubereitung von Speisen: Tischen Sie beispielsweise ­Karotten mal püriert, dann in Stäbchen oder Stückchen geschnitten auf.

  • Kombinieren Sie unterschiedliche Farben in einem Gericht.

  • Öfter mal Fingerfood servieren: bunte Gemüsesticks mit Dips zum Beispiel.

  • Zuckersüsse Getränke eignen sich nicht als Durstlöscher und stören das Geschmacksempfinden.