Kaugummikugeln, 50 Rappen das Sechserpack. Als Neunjährige schmuggelte ich sie heimlich aus ­unserem Quartierladen. Ich, eine Diebin.

Es war das erste und letzte Mal, dass ich gestohlen habe. Als mich meine Mutter fragte, woher das Schleckzeug sei, erfand ich eine Ausrede und war froh, dass der Schwindel nicht aufflog. Das sind jetzt gut 30 Jahre her. Ich bin deswegen weder auf die schiefe Bahn geraten noch straffällig geworden.

Ab dem Kindergartenalter probieren die meisten Kinder Lügen und Stehlen erstmals bewusst aus. Sie realisieren dann, dass sie andere täuschen oder etwas vor ihnen verheimlichen können. Häufig geht diese Verhaltensweise rasch wieder vorbei. Vor allem dann, wenn einem Kind die entsprechen­den Wertvorstellungen daheim vermittelt werden. Um die Konsequenzen des Lügens aufzuzeigen, eignet sich die Fabel vom Hirtenjungen, der – vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Einsamkeit – immer wieder schrie: «Der Wolf ist da!» Die Dorfbevölkerung rennt jedes Mal zur Hilfe herbei, doch kein Wolf weit und breit. Als der Wolf eines Tages wirklich erscheint und der Hirten­junge um Hilfe ruft, kommt keiner mehr.

Falls Sie also Ihr Kind zum ersten Mal beim Lügen oder Stehlen erwischen, sollten Sie konsequent reagieren. Sagen Sie ihm, dass es nicht in Ordnung ist, mit Absicht die Unwahrheit zu erzählen. Oder dem Kumpel, der Freundin, dem Ladenbesitzer etwas unerlaubt wegzunehmen. Schildern Sie, wie diese Menschen traurig oder enttäuscht ­wären, wenn sie es erfahren würden. Oder dass sie sogar die Polizei rufen könnten. Überlegen Sie mit Ihrem Kind, wie der Schaden (halbwegs) zu retten ist: Eine aufrichtige Entschuldigung, das Gestohlene zurückbringen oder irgendeine andere Wiedergutmachung sind wichtig und heilsam für beide Parteien. Stehen Sie bei diesem schwierigen Schritt Ihrem Kind zur Seite.

Anzeige

Ein kleines Krafttier kann helfen

Wenn aber Ihr Kind – trotz allem Zureden – wiederholt beim Lügen oder Stehlen ertappt wird, sollten Sie genau hinsehen. Könnte es sich um eine Art Notruf handeln? Manche Kinder brauchen mehr ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung, mehr Freiraum und weniger Druck im überfüllten Kinder­alltag oder weniger strenge Schelte und ­Bestrafung. Als Hilfe für Ihr Kind sollten Sie mit ihm vereinbaren, dass es künftig nicht mehr bestraft wird, wenn es gelogen oder gestohlen hat und das von sich aus zugibt. Und dass Sie ihm stattdessen helfen, den jeweiligen Grund fürs Lügen oder Stehlen zu bewältigen. So kann es Vertrauen zu Ihnen aufbauen. Suchen Sie ausserdem zusammen mit Ihrem Kind nach einer passenden Massnahme für den Fall, dass es sich nicht an diese Regel hält.

Anzeige

Lassen Sie Ihr Kind als zusätzliche Unter­stützung ein kleines Krafttier, eine Art Talisman, auswählen. An die Hose geheftet, ist es immer griffbereit, falls Ihr Kind in Ver­suchung geraten sollte. Dank ihm bleibt es stark und ehrlich. Sie können den kleinen Beschützer direkt ansprechen: «Hey, Löwe, pass gut auf Tobi auf, dass er die Wahrheit sagt und nur seine eigenen Sachen nimmt, okay?!» Dieser Trick holt Kinder zwischen vier und neun Jahren in ihrer Phantasiewelt ab und hilft ihnen, sich in der entsprechen­den Situation richtig zu verhalten.

Jeder hat schon mal eine Notlüge benützt, um sich vor etwas Unangenehmem zu drücken. Oder geflunkert, um vor anderen besser dazustehen. Unaufrichtigkeit ist aber keine Tugend. Deshalb sollte man gerade Kindern gegenüber nicht so tun, als ob es sich dabei um Kavaliersdelikte handelt.

Anzeige