Es war Sonntag, es war heiss, und ich lag mit anderen Leuten auf einem Floss auf dem See. Mit der trägen Ruhe wars vorbei, als plötzlich drei klatschnasse Jungs aus dem Wasser schnellten und sich schubsend und grölend auf die Holzlatten warfen: «Es war krass! Er zuerst so hä, sie so hm, ich so böööh, aber dann im Fall so voll so boah!», sagte der eine ausser Atem. «Scho?», fragte ein anderer. Ich glaube, der erste wollte eigentlich erzählen, was er am Vorabend erlebt hatte – aber ihm fehlten ganz offensichtlich die Worte: «Weisch, wien i mein?» Verstehe einer die Jugend. Seinen Ausführungen dazwischen war zu entnehmen, dass er und ein paar andere Leute am Abend zuvor mit den Seelen Verstorbener Kontakt aufzunehmen versucht hatten. Gläserrücken nennt man diesen Okkultismus, der besonders bei Jugendlichen beliebt ist. «Krass, Mann!»

Schon zu meinen Zeiten faszinierten am Gläserrücken das Ambiente, die Mutprobe und der Blick in eine andere Welt. Dazu kommt, dass der Sinn des Lebens in der Schule, in der Stifti und in einengenden gesellschaftlichen Normen und Werten oft nur schwer zu erkennen ist. Wohl deshalb suchen ihn viele – nicht nur Jugendliche! – irgendwo zwischen Feuer und Wasser, Himmel und Erde. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde der Sinn des Lebens vom Pfarrer während der Sonntagspredigt vermittelt. Heute wird er eher dort gesucht, wo es weniger starr zu- und hergeht. Während sich von den Landeskirchen immer mehr Leute lösen, docken bei Freikirchen, östlichen Religionen, Sekten und anderen spirituellen Zirkeln immer mehr Leute an. Was tun? Nichts, so wie ich auf dem Floss? Nein. Nachfragen und eventuell aufklären! Allerdings muss man dabei zwischen religiösem Wissen und Glauben unterscheiden.

Die Antworten kommen aus dem Herzen

Religion ist manchmal kompliziert. Oder wissen Sie aus dem Stegreif, was Okkultismus ist? Ich nicht. Oder könnten Sie Ihrem Gegenüber erklären, wer oder was der Heilige Geist ist? Ich auch nicht. Oder was eine Sekte ist? Macht nichts. Wissensfragen kann man nachschlagen und nachlesen. Glaubensfragen aber nicht. Weil ich als apathischer Agnostiker (schon wieder was zum Nachschlagen) oft nicht verstehe, warum fast alle Menschen trotz Säkularisierung und Aufklärung das Bedürfnis nach Religion und Spiritualität haben, habe ich viele Fragen. Die Antworten darauf kann ich aber nicht in Büchern und im Internet nachlesen, da muss ich schon nachfragen. Glaubensfragen kann nämlich jeder nur mit dem Herzen beantworten. Und das Schöne daran ist, dass es viele Antworten gibt. Ich schätze mal, etwa so viele, wie es Herzen gibt.

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Fragen stellten sich auch die Jungs auf dem Floss. Solange sie sich austauschen, die Dinge hinterfragen, kritische Distanz wahren und nicht alles für bare Münze nehmen, werden sie weder auf einen spirituellen Trip kommen noch einer Sekte beitreten. Wärs anders gewesen, hätte einer von uns Erwachsenen Fragen stellen müssen, um sie zum Reflektieren anzuregen. Das war aber nicht nötig. Als sie endlich wieder ins Wasser sprangen, waren wir zwar alle pitschnass, konnten aber weiterdösen.