Die meisten Leute erinnern sich an ihren ersten Kuss, an ihr erstes Mal oder wissen zumindest noch, was sie am 11. September 2001 taten. Ich nicht. Dafür weiss ich, wann ich erstmals von einem Heftli namens «Bravo» hörte: Es war im Jahr vor Abbas «Waterloo», als meine knapp 18-jährige Cousine schwanger war. Einige Leute im Dorf sagten, dass dieses verfluchte «Bravo» schuld daran sei. Genau wie an der wilden Frisur ihres Freundes.

Zwei gute Gründe, mir dieses Blatt sofort zu besorgen. Weil ich ahnte, dass mich meine Mutter deswegen bei einer Besserungsanstalt anmelden würde, begann ich erst nach dem Lichterlöschen unter der Bettdecke zu lesen. Es öffneten sich Welten. Ich erfuhr, warum meine Cousine wirklich schwanger wurde – und ich erkannte dank Dr. Sommer, dass das mit den Frauen und den Männern irgendwie kompliziert ist. Das wühlte mich ein bisschen auf. Beruhigend war dafür zu erfahren, dass mein Ding da in der Pyjamahose weder zu gross noch zu klein, sondern genau richtig war. Danke, «Bravo»!

Wenn man bedenkt, dass «Bravo!» heute eher Jubelruf im «Musikantenstadl» ist und an Konzerten von Teeniestars wie Justin Bieber oder Rihanna etwas bieder klingen würde, ist es eigentlich erstaunlich, dass sich Kinder und Jugendliche von einem Heft dieses Namens noch angesprochen fühlen. Vielleicht, weil sich alles wie eh und je um Sex, Liebe und Promis dreht – aber flockiger, bunter und direkter als früher. Die heutigen Stars sind fast alle tätowiert, und bei Dr. Sommer zeigen jede Woche ein Junge und ein Mädchen ihre (meist rasierten) Geschlechtsteile. Verändert hat sich ansonsten im Lauf der Jahrzehnte nicht viel. Dafür in der Gesellschaft umso mehr: Die Enkelkinder meiner Mutter lesen ungeniert «Bravo», während sie «Musikantenstadl» schaut.

Anzeige

Das Beratungsteam hat viel zu tun

Verblüffend ist nicht, dass man «Bravo» nicht mehr versteckt lesen muss manche Eltern schenken ihren Kindern ein Abo –, sondern dass es die Zeitschrift trotz MTV und Youtube noch gibt. Noch viel erstaunlicher ist, dass Dr. Sommer seine Beratungspraxis nicht schliessen musste, wo doch heute schon Siebenjährige aufgeklärt sind.

Aber Dr. Sommers Beratungsteam muss den Buben immer noch Woche für Woche versichern, dass ihr Penis nicht zu klein ist, und den Mädchen regelmässig erklären, dass Scheidenausfluss kein Grund ist, sich wund zu waschen. Und immer wieder muss den Teenagern erklärt werden, wie sie merken, ob jemand sie mag – oder wie man jemanden anspricht. Obs wohl daran liegt, dass man gewisse Dinge lieber mit anonymen Beratern als mit den Eltern bespricht?

Auch wenn viele Pädagogen und sogar die Feuilletons renommierter Zeitungen «Bravo» als gar nicht so üblen Bestandteil der Jugendkultur akzeptiert haben, lohnt sich ein kritischer Blick. Wohin führt der von «Bravo» propagierte Kommerz und Konsum? Mit wie viel Gruppendruck begeben sich «Bravo»-Lesende auf den Weg ins Erwachsenenleben? Ist eine Primarschülerin normal, wenn sie noch nie Heavy Petting praktiziert hat? Kaufen Sie sich mal wieder ein Heft und erzählen Sie Ihren Kindern, wie Sie das sehen und wie das damals bei Ihnen war. Das können die Kinder nämlich nicht im «Bravo» lesen. Ist aber eine wichtige Ergänzung.