Ein kuscheliges Sofa, Dämmerlicht, vielleicht eine Kerze. Und dann die Geschichte vom «Goldigen Nixle und dem silbrigen wart e Wiile». Das sind Erinnerungen an Grossmutter Anna, die, ohne viel über Leseförderung und Sprachentwicklung zu wissen, uns Kindern Geschichten vorlas oder erzählte. Ich bin überzeugt, dass ich meine Liebe zu Büchern, meine Phantasie und Fabulierfreude hauptsächlich ihr zu verdanken habe. Heute belegen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Kinder, die mit Büchern aufwachsen, besser und schneller sprechen und lesen lernen. Zudem ist ihr Wortschatz grösser. «Bücherkinder» können sich leichter in Situationen einfühlen und erweitern schneller ihren Horizont.

Früher lag es meist an den Grosseltern, den Enkelkindern vorzulesen. Vorlesen sei ein altehrwürdiges, herzerwärmendes Grossmuttergeschäft, schrieb zum Beispiel der russische Schriftsteller Nikolai Gogol. Heute sind meist die Eltern gefordert – und das ist eine grosse Chance. Ein grosser Pluspunkt beim Vorlesen ist nämlich die wertvolle Zeit, die Eltern mit ihrem Kind verbringen. Für die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren stellten Bücher denn auch das beste Verbindungsglied zwischen Eltern und Kindern dar: «Vieles von dem, was euer Kind innerlich beschäftigt hat, kommt zur Sprache, wenn ihr euch über das Gelesene unterhaltet.» Anders als bei Film und Fernsehen kann jedes Kind sein individuelles Tempo einhalten. Es kann ein Bild so lange betrachten, wie es will, und entsprechend vor- und zurückblättern. Bilderbücher lassen sich wieder und wieder hervorholen. Und Kinder lieben und lernen durch Wiederholungen.

Es ist für Eltern sinnvoll, so früh wie möglich mit dem Vorlesen oder Nacherzählen von Bilderbüchern zu beginnen. Spätestens ab dem achten Monat kann man mit Babys textlose Bilderbücher betrachten. Klare, ruhige Formen und Farben sind genauso wichtig wie die originalgetreue Abbildung der Wesen und Objekte. Je älter die Kinder werden, desto mehr können sie selber schildern, was sie sehen. Bei einem guten Bilderbuch bilden Text und Bild eine Einheit.

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Die riesige Auswahl macht es heute aber nicht ganz einfach, das richtige Bilderbuch zu finden. Die Listen des Deutschen Jugendliteraturpreises leisten dabei gute Dienste. Sinnvoll ist auch die inzwischen halbjährlich erscheinende Liste der Initiative Buchstart mit 15 empfohlenen Bilderbüchern für Kinder von null bis sechs Jahren. Sie umfasst neben klassischen Bilderbüchern auch interessante Neuerscheinungen (siehe Box am Ende).

Wenn Kinder unruhig sind, emotional aufgeladen oder dauernd fernsehen wollen, können Eltern mit dem Vorschlag, ein Bilderbuch aus dem Regal zu holen, einen sanften «Kurswechsel» einleiten. Ein stimmiges Ritual ist auch, ein Bilderbuch als Gutenachtgeschichte zu erzählen. Genauso machte es meine Grossmutter Anna – und das war, wie gesagt, Gold wert.