Weil Frühenglisch eine Erfindung der neueren Zeit ist, gehöre ich zu jener Generation, die Englisch nicht lernen musste, sondern wollte. Deshalb kaufte ich mir als Primarschüler ein Wörterbuch, um rauszufinden, was Abba im Lied «Waterloo» sangen. Erinnern Sie sich? «The history book on the shelf is always repeating itself, oh, oh, oh, Waterloo» Dank Abba und seit meinem ersten Dictionary weiss ich, dass sich die Geschichte immer irgendwie wiederholt.

Daran musste ich neulich denken, als ich in der S-Bahn zwei Jungs gegenübersass, denen der iPod laute Beats in den Kopf hämmerte. «Ey Mann, krass, was isch en Battyman?», fragte der eine den anderen. «Muesch google», sagte der. Ich stellte mir vor, wie sich der Jüngling zu Hause an den Computer setzte und in Erfahrung brachte, dass «Battyman» eine derbe Bezeichnung für einen Schwulen ist und dass die Reggae- oder Dancehall-Songs, die er hörte, «Battyman Tunes» genannt werden. Sie handeln davon, dass Schwule und Lesben verbrannt und getötet werden sollten. Wie recht Abba hatten: The history book on the shelf is always repeating itself. So was wurde doch schon mal gefordert.

Nicht nur Reggae ist mitunter homophob. Der Hip-Hopper Eminem beispielsweise wirft mit Hasstiraden gegen Schwule nur so um sich. Sein Kollege, der Rapper Trick-Trick, singt gar davon, dass Lesben in die Luft gesprengt werden sollten und er Schwule gern vor seiner Kalaschnikow hätte. Wo Homophobie ist, sind auch Frauenverachtung und Rassismus nicht weit – nicht nur in Amerika: Für die deutschen Rapper Bushido, Sido und wie sie alle heissen, sind Frauen nichts als Huren und Schlampen. Und wenn wir hier schreiben würden, wie die Rapperin Lady Bitch Ray sich und ihre Kolleginnen bezeichnet, würde dieser Artikel als nicht jugendfrei kritisiert – auch wenn das Abspielen ihrer Lieder in Kinderzimmern toleriert wird.

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Keine harmlose Provokation

Nicht mehr gespielt werden dürfen die rechtsextremen Lieder von Landser und Zillertaler Türkenjäger, weil der deutsche Bundesgerichtshof Landser zur kriminellen Vereinigung erklärt hat und die Musik der anderen Gruppe als volksverhetzend einstuft. Dasselbe dürfte bald dem Rapper Bushido drohen, dessen neuestes Video zu Gewalt und Mord aufruft. Youtube hat das Video bereits entfernt.

Spätestens seit der Swing aufkam, reagieren Erwachsene mit Entsetzen auf die Musik der Jungen – die Geschichte wiederholt sich auch hier. Und die Jungen haben ihre Gaudi, denn die Provokation ist wieder mal gelungen. Soll man deshalb ruhig Blut bewahren und das Ganze nicht so ernst nehmen? Nein. Gewaltverherrlichende und menschenverachtende Musik ist keine Provokation, bei der man weghören darf. Sie ist eine Gefahr, bei der man hinsehen muss. Ein Verbot ist aber keine Lösung, denn dann wirds für die Kids erst interessant. Eher sind Fragen angebracht: ob hasserfüllte Musik ein Ventil für Frustrationen ist, was die Texte den Kindern über die Welt erzählen und was sie daran fasziniert. Das ist die Voraussetzung, um sachlich und ohne Belehrungen zu thematisieren, was die Auswirkungen sein könnten, wenn einem ständig um die Ohren dröhnt, dass Frauen nichts wert seien, Gruppensex normal und Homosexualität abnormal sei. Und weil man aus der Geschichte lernen soll, muss aufgezeigt werden, was die Folgen sind, wenn Gewalt verherrlicht und als Lösung angepriesen wird.

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