«One, two, drü» – der fünfjährige Luca stockt, als ihn der kritische Blick der Mutter trifft. «Ah, nein, three heisst das.» Zufrieden streicht die Mutter über den Kopf des Kleinen: Er kann schon Englisch. Und beim Lesen macht er auch Fortschritte. Nach dem Motto «Früh übt sich, wer ein Meister werden will» schlagen die Eltern dem Kind etliche Bildungsangebote vor. Sie sind sich sicher, dass nur jene Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg haben, die früh mit Lernen beginnen.

Förderung ist wichtig und gut. Aber müssen es schulische Lerninhalte sein? Die Reformpädagogin Maria Montessori brachte es schon vor hundert Jahren auf den Punkt: «Spiel ist die eigentliche Arbeit des Kindes.» Es ist der Hauptberuf aller Kinder. Im Spiel setzen sie sich aktiv und intensiv mit sich selbst und der Umwelt auseinander. Sie lernen dabei, kooperativ zu handeln, Ideen zu entwickeln, Spannung und Entspannung auszuhalten, sich zu konzentrieren, zuzuhören, mit Sieg und Niederlage umzugehen und Regeln einzuhalten. Beiläufig kommen Phantasie und logisches Denken zum Einsatz.

Allerdings: Die Kindheit hat sich im Lauf der letzten Jahrzehnte nachdrücklich verändert. Die Anforderungen an unsere Jüngsten nehmen ständig zu. Doch Fachleute sind sich auch heute einig: Spielen hilft den Kindern, eben diesen Druck auszubalancieren und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Je mehr es in unserer unübersichtlichen Welt zu lernen und zu entdecken gibt, umso wichtiger ist das Spiel für die kindliche Entwicklung. Spielen und fröhlich sein sind für Kinder auch in unserer Zeit immer noch die beste Vorbereitung auf die Schule.

Das Gehirn spielt immer mit

Ein wichtiges Argument für das Spielen liefert auch die moderne Gehirnforschung: «Spielen und Lernen sind für kleine Kinder identisch», sagt der deutsche Psychiater Manfred Spitzer. «Lernen findet immer dann statt, wenn wir empfinden, erfahren, denken, fühlen, entscheiden und handeln.» Nur wenn Kinder in den ersten zehn Jahren ausreichend spielen können, bilden sich vielfältige neue Verknüpfungen in ­ihrem Gehirn. Das Wachstum der Nervenzellen wird angeregt, und Körper und Geist entwickeln sich altersgemäss. Kleine Kinder, die täglich sieben bis neun Stunden spielen, kommen so bis zum sechsten Lebensjahr auf etwa 15'000 Stunden.

Was und wie Kinder spielen, richtet sich nach ihrem Alter. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Förderlich sind insbesondere Rollenspiele, Gesellschaftsspiele und Konstruktionsspiele. Alles ist sinnstiftend und keineswegs unnützer Kinderkram, wie manche Erwachsene meinen. Je nach Entwicklungsstand nehmen die Spiele, die unsere Jüngsten weiterbringen, neue Formen und Inhalte an. Lernen und Entwicklung spielen sich oft im Alltag ab – in der Küche, im Wald, auf dem Spielplatz. Um Neues zu lernen, müssen Kinder auch die Erfahrung machen, dass einmal etwas schiefgehen kann. Genau dann ist ihre Kreativität gefordert. Daraus erwächst später die selbstbewusste Erfahrung: «Ich kann die Welt gestalten.»

Deshalb: Lassen Sie Ihr Kind wann immer möglich spielen. Nehmen Sie seine Impulse auf, lassen Sie sich führen, spielen Sie mit. Viel Spass!n