Die 15-jährige Tochter möchte allein mit Freundinnen in die Ferien fahren. Der 13-jährige Sohn will in einer lauten, wilden Heavy-Metal-Band mitspielen. Da sorgen sich Eltern nicht ganz zu Unrecht. Denn Jugendliche kennen keine Grenzen: Um den gleichen emotionalen Kick zu spüren, müssen sie quasi von einer höheren Klippe springen als Erwachsene. Das kann gefährlich werden. Die Risikobereitschaft bei Jugendlichen ist hoch – entsprechend auch die Verletzungs- und Todesrate durch Unfälle.

Doch wegen Umbauarbeiten am Gehirn während der Pubertät können Teenager nicht einmal viel dafür, dass sie wenig Selbstverantwortung an den Tag legen. Sie sind ganz einfach biologisch bedingt über ein paar Jahre hinweg nicht in der Lage, Konsequenzen des eigenen Tuns jederzeit realistisch einzuschätzen.

Kindern aus lauter Angst eine Schutzglocke überzustülpen oder sogar den jugendlichen Erlebnisdrang zu unterdrücken ist jedoch unmöglich. Jeder Versuch in diese Richtung bewirkt das Gegenteil. Verbote und sture Grenzen rufen bloss ein provokatives, trotziges Verhalten hervor. Da hilft nur eins: Stärkung der Eigenverantwortung. Denn je besser ein Jugendlicher imstande ist, für sich selbst einzustehen, seine ganz persönlichen Grenzen zu kennen, desto besser ist er gewappnet vor unsinnigen Mutproben unter Gleichaltrigen, übermässigem Suchtmittelkonsum, ungeschützten Sexualkontakten.

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Fehler machen gehört zwingend dazu

Die Formel zur Förderung der Eigenverantwortung könnte etwa wie folgt lauten: Selbstbewusstsein + Selbstvertrauen = Eigenverantwortung. Erst wenn ein Mensch seine Stärken und Schwächen kennt, kann er ein gutes – sprich: realistisches – Selbstbewusstsein entwickeln. Dieses wird beeinflusst von Erfolg und Misserfolg, von der Zuschreibung anderer und von eigenen Ideal- und Wunschvorstellungen.

Selbstvertrauen wiederum definiert sich als Fähigkeit, sich etwas zuzutrauen, Situationen meistern zu können, im Sinne von: «Ich bin gut so, wie ich bin.» Geprägt wird dieses Gefühl durch das Urvertrauen und Erfahrungen aus der Kindheit, durch Lob und Anerkennung, durch Vorbilder und Aufgaben, in denen zunehmend Verantwortung übernommen werden kann.

Wenn Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bei Teenagern gut entwickelt sind, schaffen sie es auch, sich in neuen Situationen angemessen zu verhalten. Natürlich werden sie laufend neue Erfahrungen sammeln und Fehler machen. In diesem Sinne sind sogenannte Risikosituationen – wie der Urlaub oder die Musikband – für jeden jungen Menschen ein ideales Lernfeld.

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Hat Ihre Tochter einen Babysitterjob? Ihr Sohn geht regelmässig beim Nachbarn den Rasen mähen? Dürfen Ihre Teenager bei Familienentscheiden mitreden? Nehmen Sie Argumente Ihrer Kinder auch dann ernst, wenn Ihre Lebenserfahrung etwas anderes für richtig hält? Loben Sie Ihren Nachwuchs mehrmals täglich für Dinge, die er gut macht, und auch für solche, die Sie eigentlich als selbstverständlich voraussetzen? Dann können Sie davon ausgehen, dass Ihr Sohn, Ihre Tochter auf bestem Wege ist, den eigenen Lebensweg gehen zu können. Einen Schritt nach dem anderen. Und manchmal auch mit einem Sprung von der Klippe.