Ingo Fritschi, 51, ist Elektroingenieur und seit fünf Jahren Geschäftsführer der Lernzentren LfW, dem grössten Ausbildungsverbund der Schweizer Maschinen- und Elektroindustrie. Gut 1000 junge Menschen absolvieren hier ihre Lehre. Fritschi ist verheiratet und hat zwei Söhne. Roman, 17, und Simon, 20, sind beide in Ausbildung im technischen Bereich. Und beide sind in der Musik- und Partyszene engagiert.

Beobachter: Es ist Frühling. Wer jetzt noch keine Lehrstelle für dieses Jahr hat, hat etwas falsch gemacht. Was raten Sie?
Ingo Fritschi: Wer noch nichts hat, hat nicht unbedingt etwas falsch gemacht. In den Lernzentren suchen wir zum Beispiel bis zu den Sommerferien geeignete Lernende. Das Rennen ist noch offen. Ich kann allen, die noch suchen, nur raten: bloss nicht aufgeben!

Beobachter: Ihr Job ist es, junge Leute – Ihre Lehrlinge – zu begleiten, also ihnen auf die Finger zu schauen. Können Sie diese Rolle daheim ablegen?
Fritschi: Zum Glück muss ich daheim nichts ablegen, das könnte ich auch gar nicht. Ein Beispiel: Wir als Ausbildner legen Wert auf Respekt, Eigeninitiative und Selbstverantwortung. Dieselben Werte sind mir auch zu Hause bei meinen Söhnen sehr wichtig, darauf kommt es an.

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Beobachter: Wie steht es mit Ihrer Fehlertoleranz?
Fritschi: Es gibt Fehler, die notwendig sind, damit junge Leute überhaupt lernen können. Wer zum Beispiel einmal eine Lötstelle falsch angebracht hat, hat fürs Leben gelernt, dem passiert das wohl nie mehr. Mit solchen Fehlern habe ich überhaupt keine Mühe. Bei anderen Sachen, beispielsweise dauerndes Zuspätkommen, da wird dann hingegen schon Druck ausgeübt, denn das geht nicht in einer Gemeinschaft. Die letzte Kategorie ist krasses Fehlverhalten: Mobbing, Gewalt – da gilt Nulltoleranz.

Beobachter: Die Lernzentren haben sich auf die Fahne geschrieben, die besten Lehrlinge auszubilden. Es braucht grossen Ehrgeiz, sich nicht mit dem Mittelmass zufriedenzugeben. Gelingt das?
Fritschi: Wir haben eine konsequente und ständige Verbesserungskultur für jeden Einzelnen. Wir haben die Kultur des Lebensunternehmers, das heisst, nach der Lehre ist es nicht fertig mit Lernen, es geht immer weiter. Damit meine ich jetzt aber nicht, unbedingt ein Studium zu machen. Es geht auch darum, der beste Mechaniker zu werden, sich immer weiterzubilden, ein Crack auf seinem Gebiet zu werden.

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Beobachter: Zwischen der Anstellung im Alter von etwa 15 Jahren und dem Lehrabschluss passiert ja bei Jugendlichen sehr viel. Aus einem Hochambitionierten kann ein Abstürzler werden. Wie reagieren Sie?
Fritschi: Auch ein Erwachsener kann abstürzen, das ist nicht der Jugend vorbehalten. Aber natürlich: In dieser Transformation vom Kind zum Erwachsenen passiert tatsächlich viel. In unserer Arbeit setzen wir schon früh an, bevor es überhaupt zu einer Krise kommt – zum Beispiel gibt es obligatorische Präventionsworkshops zu Drogen, Alkohol, Gewalt oder dem Umgang mit Sexualität. Junge Menschen müssen für diese Themen sensibilisiert werden, das ist wichtig, damit sie dann auch wissen, an wen sie sich wenden können, wenn etwas passiert. Und falls es tatsächlich zu einer Krisensituation kommt, haben wir ein grosses Netz, um sie aufzufangen.

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Beobachter: Und das klappt?
Fritschi: Ich denke schon. Wir haben zum Beispiel unter drei Prozent Lehrabbrüche, das ist eine sehr tiefe Quote.

Beobachter: Zurück ins private Leben: Wie ist das mit Ihren Söhnen, die ja auch in diesem «schwierigen» Alter sind. Müssen Sie sie zu guten Leistungen antreiben?
Fritschi: Antreiben nicht – es wäre kein gutes Zeichen, zu solchen Mitteln greifen zu müssen. Ab und zu muss ich sie mal etwas motivieren, das braucht es schon. Aber das mit dem Leistungsprinzip sehe ich ziemlich relativ. Ich möchte einfach, dass meine Jungs glücklich sind. Das Wichtigste ist doch, dass Eltern immer zu ihren Kindern stehen. Sie müssen nicht alles gut finden, was die so machen, klar, aber sie müssen da sein, zuhören, unterstützen. Immer.

Beobachter: Sind Ihre Söhne in der Schule gut auf die Lehre vorbereitet worden?
Fritschi: Es wird so oft geklagt über die Schulen. Als Vater und Lehrmeister möchte ich aber mal eine Lanze brechen für unsere Volksschule, für die ganze Bildungslandschaft in der Schweiz. Ich erlebe so viele herausragende Sachen – ich verneige mich vor allen tollen Lehrkräften!

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Beobachter: Das klingt euphorisch.
Fritschi: Natürlich gibt es auch aus meiner Sicht Verbesserungspotentiale: Manchmal stelle ich fest, dass unsere Bewerber etwas schwach sind in Mathematik. Mein Aufruf an die Lehrerinnen: Statt immer nur zu berechnen, wie viel etwa zwei Kilo Äpfel und fünf Brote kosten, nehmen Sie doch mal die Technikbegeisterung der Jugendlichen auf und lassen die den Winkel einer Autokühlerhaube oder das Volumen eines PC-Gehäuses berechnen. Das würde wirken, davon bin ich überzeugt.

Beobachter: Wie haben Sie den Berufseinstieg Ihrer Kinder begleitet?
Fritschi: Beratend. Ich habe natürlich Einfluss genommen, da mir das Wohl meiner Kinder sehr am Herzen liegt, die Entscheidung lag aber bei ihnen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass beide ihre Ausbildung im technischen Bereich machen.

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Beobachter: Ist es Pflicht für Eltern, sich in diesen Prozess einzumischen?
Fritschi: Eltern sind zentral, wenn es um die Berufswahl geht, aber sie dürfen nicht den Fehler machen, ihre eigenen Wünsche auf die Kinder zu projizieren. Nicht jeder muss studieren. Wir haben im Schweizer Bildungssystem das hervorragende Motto «Kein Abschluss ohne Anschluss». Wer engagiert ist, dem steht auch nach der Lehre alles offen, das sollten die Eltern berücksichtigen.

Beobachter: Als Lehrmeister bedeutet die Lehrabschlussprüfung den Abschied von der Stiftin oder vom Stift. Wie schwer tun Sie sich daheim mit dem Loslassen? Ihr Ältester ist 20.
Fritschi: Das grosse Loslassen habe ich, glaube ich zumindest, schon hinter mir. Der Prozess ist aber nicht einfach und wird häufig unterschätzt. Die Eltern-Kind-Bindung ist sehr stark, und wenn das Kind plötzlich erwachsen ist und seine eigenen Entscheidungen trifft, haben viele Eltern Mühe. Mein persönlicher Tipp an sie: Geniessen Sie jede Phase Ihrer Kinder, selbst die, in denen es hart auf hart geht. Bleiben Sie zugewandt, die Liebe muss immer sichtbar und spürbar bleiben. Dann kommt es gut.

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Beobachter: Was für ein Vater sind Sie?
Fritschi: Ich habe mich immer bemüht, ein guter Vater zu sein – tolerant, verständnisvoll und gesprächsbereit. Laut meiner Frau bin ich kein strenger Vater. Ich müsste aber wohl mal nachfragen, ob sie das nun gut oder weniger gut findet.

Beobachter: Rauchen Ihre Söhne?
Fritschi: Der eine raucht. Das finde ich zwar nicht toll, aber es ist seine Sache. Alkohol trinken beide nicht.

Beobachter: Gibt es verbindliche Regeln im Hause Fritschi, feste «Ämtli»?
Fritschi: Früher gabs das, aber heute sind beide alt genug. Da setzen wir auf Eigenverantwortung, und beide sind erfreulicherweise sehr hilfsbereit.

Beobachter: Wie sind Sie selber erzogen worden?
Fritschi: Mit viel Liebe. Und ich durfte früh Verantwortung übernehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich erziehe hoffentlich ähnlich.

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Beobachter: Was wünschen Sie sich, dass Ihre Kinder einmal über Sie sagen, wenn sie beide erwachsen sind?
Fritschi: «Der Alte ist voll cool und gab uns immer viel Liebe.»