Beobachter: Herr Schneider, ist Erziehung deshalb so streng, weil es für die Eltern heisst, streng mit sich selbst sein zu müssen – man will und soll ja mit gutem Beispiel vorangehen?
Peter Schneider Ja, mit erhobenem Haupt vorangehen und dann feststellen, dass gar keiner hinterherkommt. Nein, ich glaube nicht, dass Eltern primär dazu da sind, Vorbilder zu sein. Das Vorbild ist eher etwas ­Ausserfamiliäres. Und ich glaube auch, dass man sich als Eltern in eine furchtbare Bredouille bringt, wenn man die beiden Rollen – Eltern und Vorbild – ständig mit­einander vermischen will.

Beobachter: Aber Kinder identifizieren sich doch zweifellos mit ihren Eltern?
Schneider: Das ist unbestritten und unvermeidlich. Das zeigt sich aber eher in irgendwelchen Kleinigkeiten; dass die Kinder sich zu räuspern anfangen wie ihr Vater und dann mit 30 darüber erschrecken, dass sie es tun. Vorbilder sollen aus der Familie herausführen, hinein in die grosse, weite Welt. Dazu taugen Persönlichkeiten wie Barack Obama oder Angelina Jolie oder ein Fussballer wie Manuel Neuer.

Beobachter: Warum?
Schneider: Es wäre doch für ein Kind ein grauenhaftes Schmoren im eigenen Saft, wenn die Eltern auch noch als Vorbilder herhalten müssten.

Beobachter: Das heisst, ich muss mir als Vater überhaupt keine Mühe geben – kann bei Gelegenheit also auch mal bei Rot über die Strasse gehen?
Schneider: Darum geht es doch nicht. Natürlich tun Sie als Vater gut daran, Ihrem Kind Verhaltensregeln gerade im Strassenverkehr beizubringen und deren Einhaltung einzufordern. Wenn Sie aber glauben, Ihr Kind werde später nie bei Rot die Strasse überqueren, nur weil Sie als Eltern dies niemals getan haben, dann wäre dies eine ziemliche Allmachtsphantasie.

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Beobachter: Man kann doch nicht das eine fordern, aber das andere tun.
Schneider: Warum nicht? Es gehört nun einmal zur Lebenstechnik, zu merken, dass Tun und Sagen zuweilen zweierlei sind. Aber natürlich müssen Kinder da erst hineinwachsen; verstehen, dass man einerseits nicht lügen, andererseits aber sagen darf: «Sie sehen heute super aus.» Dann muss man ihnen eben 50-mal erklären, dass Höflichkeit und Lügen eben doch zwei verschiedene Dinge sind. Als Vater oder Mutter aber zu meinen, sich solche Erklärungen dadurch ersparen zu können, dass man ihnen ein völlig konsistentes Leben vorführt, finde ich eine ganz absurde Vorstellung.

Beobachter: Als Eltern versucht man aber ständig, dem Kind eine heile Welt vorzugaukeln, in der es keinen Streit, keinen Widerspruch, ja nicht einmal ­Süssigkeiten nach dem Zähneputzen gibt.
Schneider: Vielleicht ist dies Ausdruck einer typischen Zukunftsangst. Der Angst, dass die Welt vor lauter immer schlechter erzogenen Menschen und wegen zunehmend verludernder Sitten vor die Hunde geht. Also versucht man, für die Kinder – die idealen Menschen von morgen – eine sterile, harmonische Lebenswelt zu schaffen. Aber das ist nicht nur völlig unrealistisch. Es ist auch unnötig. Kinder können sehr gut damit umgehen, dass die Menschen und ihre Werte unterschiedlich sind. Dass es bei der Oma zum Beispiel Schokolade gibt, zu Hause aber nicht. Die Welt ist vielfältig. Und wir wollen doch, dass unsere Kinder in genau dieser Welt zurechtkommen.

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Beobachter: Darf ich also sagen: «Papi darf das, denn Papi ist schon erwachsen»?
Schneider: Es geht gar nicht anders. Die erste kränkende Erfahrung, die Kinder in ihrem Leben machen, ist ja gerade die, dass sie Sachen, die Erwachsene können und dürfen, selber nicht dürfen und oft auch gar nicht können. Das ist eine wichtige Einsicht, wie das Leben funktioniert. Aber klar müssen Sie als Vater auch damit rechnen, dass die Überzeugungskraft Ihres Satzes nicht immer durchschlagend sein wird. Als Eltern erreicht man jedoch nie einen Punkt, der einem Sicherheit in allen Argumentationen gibt. Man muss die Positionen immer wieder neu ausloten und in Variationen neu durchdiskutieren. Erziehung ist mehr eine laufende Annäherung als ein konsequentes Durchziehen.

Beobachter: Wie viel Einfluss haben Eltern überhaupt? Aus den Söhnen der grössten Freigeister können die kleinkariertesten Bürger werden…
Schneider: …und umgekehrt. Wiederum bringen Freigeister aber auch Freigeister hervor. Wieder andere Kinder merken, dass es eine bünzlige Art des Freigeistigseins gibt, und opponieren später dagegen. Das alles ist sehr unkontrollierbar und undurchschaubar.

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Beobachter: Gewisse Präventionskampagnen verinnerlichen Kinder jedoch erstaunlich gut. Sie tyrannisieren ihre Eltern mit Vorträgen über Ernährung und die Schädlichkeit des Zigarettenkonsums.
Schneider: Kinder, die im Alltag zu veritablen Blockwarten werden, sind für Eltern der wohl unangenehmste Effekt solcher Kampa­gnen. Bis zu einem gewissem Mass findet man es ja noch herzig, wie übereifrig Kinder gewisse Massstäbe übernehmen und einen zum morgendlichen Apfelkonsum auffordern. Ab einem gewissen Punkt jedoch bekommt das Ganze was von einer unerträglichen Altklugheit. Meist sticheln Kinder jedoch nur, weil sie sich dadurch von den Grossen distanzieren können – im Wissen, dass sie auf der guten Seite stehen.

Beobachter: Übernehmen Kinder denn überhaupt keine ­Verhaltensweisen ihrer Eltern?
Schneider: Doch, natürlich passieren da Identifikationen. Man kann das aber eben nicht steuern. Als Vater wundert man sich doch später immer wieder, was die Kinder offensichtlich wahnsinnig bewahrenswert an einem gefunden haben, welche Mödeli sie übernahmen und welche gerade nicht.

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Beobachter: Waren Sie denn Ihrem Sohn ein gutes Vorbild?
Schneider: Keinen blassen Schimmer!

Beobachter: Was brauchen denn Kinder?
Schneider: Vielleicht gar nicht so viel Arbeit am Detail, wie man angesichts der unzähligen Erziehungsratgeber zu meinen glaubt. Sondern dass man sich für sie interessiert. Dass man sie gernhat.

Beobachter: Sie haben einen Sohn – sind Sie zufrieden, wie Sie Ihre Rolle als Vater gemeistert haben?
Schneider: Wer wäre ich denn, wenn ich nun öffentlich erklären würde, ich sei ein guter Vater gewesen? Genauso unverschämt wäre es, zu urteilen, mein Sohn – immerhin mittlerweile erwachsen – sei gut herausgekommen, und ich sei der gloriose Vater, dem er dies zu verdanken habe.

Beobachter: Gibt es nichts, was Sie als Vater besonders gut gemacht haben?
Schneider: Hoffentlich schon. Aber ich hatte ja keine Vorstellung davon, wie oder was er werden soll. Selbst wenn ich überzeugt gewesen wäre, mein Tun und Lassen habe Einfluss auf seine Persönlichkeit – ich hätte nicht gewusst, wohin ich ihn hätte «steuern» sollen.

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Beobachter: Man sagt doch, nichts prägt einen Menschen so sehr wie die Kindheit.
Schneider: Ja, aber welche dieser Erfahrungen in der Kindheit prägen, und vor allem, in welcher Form? Die Kausalität zwischen pädagogischem Input und dessen Outcome ist lockerer, als es sich die Fundamentalisten der Erziehung wünschen.