Jana, 5, und Eva, 7, spielen oft mitein­an­der. Die Schwestern teilen viele Interessen und können sich deshalb gut gemeinsam vergnügen. Schön für die beiden. Und schön für die Eltern, möchte man meinen. Doch Jana und Eva liegen sich häufig in den Haaren. Allem Anschein nach leiden sie kaum darunter – sobald der Streit vorüber ist, sind sie wieder zufrieden. Deutlich stressiger ist es hingegen für die Eltern, die den Lärm, die verbalen Attacken und die Handgreiflichkeiten nicht länger ertragen.

Es ist nur logisch, dass es so viele Auseinandersetzungen gibt: Die Kinder verbringen mehr Zeit miteinander als die Eltern mit ihnen. Und oft scheint der Anlass für Streit banal – Jana möchte halt gerade jetzt die Puppe, deren Haare Eva liebevoll kämmt. Dahinter kann eine Rivalität stecken, bei der es um Eifersucht geht. Was nichts anderes ist als Angst, weniger Liebe und Aufmerksamkeit von den Eltern zu bekommen als die Schwester.

Dass dieses Eifersuchtsgefühl tief und anhaltend sein kann, wissen alle, die sich neben ihren Geschwistern auch nach Jahrzehnten noch minderwertig fühlen. Das erklärt auch, wieso gängige Erziehungsmethoden zwar die akute Streitsitua­tion beenden, aber leider kaum weitere Eskalationen verhindern können. Wichtiger wäre es da, ausserhalb der Streitphase jedes Kind einzeln spüren und hören zu lassen, dass es von den Eltern geliebt wird – mit all seinen Stärken und Schwächen. Und dass die Versöhnung ein wichtiges Ritual im Familienalltag wird.

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Eltern wird empfohlen, sich keinesfalls in den Streit einzumischen, sondern die Kinder den Konflikt selber lösen zu lassen. Nur so hätten diese die Chance, einen Weg für ein weiteres Miteinander zu finden. Aber je nach Alters- und Kräfteunterschied hat diese Methode ihre Grenzen.

Warum immer auf die Grossen?

Oder aber man solle das Objekt des Zwists kommentarlos für eine Weile wegnehmen. Nach dem Motto: Ist der Zank­apfel weg, wird nicht mehr gestritten. Hilfreich ist es allerdings, wenn Spielzeug von vornherein getrennt versorgt wird – die wichtigsten Besitztümer etwa in einer eigenen Schatztruhe. Das, was allen zur Verfügung steht, in spezielle Kisten oder Schränke. Bei den privaten Sachen gilt dann die Regel: Erst fragen, dann nehmen.

Bezeichnend ist, dass die Eltern unwillkürlich meist das ältere Kind ausschimpfen. Kein Wunder: Das Jüngere schreit lauter, das Ältere schlägt stärker zu. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch oft auf, dass das «Kleine» ganz gezielt die entsprechenden Knöpfe drückt, damit die Theaterbühne aufgeht und Mama und Geschwister eine eindrückliche Szene aufführen. Es hat auch guten Grund dafür: Es will seiner Rolle in der Familie mehr Macht verleihen. Und bald schon ist es darin meisterlich.

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Da hilft nur eins: das Jüngere austricksen und bewusst nicht mehr auf diese Bühne steigen. Aber ihm dafür die Chance geben, seinen gebührenden Platz in der Familie zu finden und einzunehmen. Mit viel Zuwendung und Gelegenheiten, in denen es Selbstvertrauen aufbauen kann. Wer nämlich seinen Platz gefunden hat, hat weniger Anlass, um ihn zu streiten.

Silvia Berri, Sarah Zanoni: «Kreativ erziehen»; 2012, 176 Seiten, 35 Franken (für Beobachter-Mitglieder 28 Franken); Beobachter-Buchverlag