Lautes Geschrei durchdringt die Idylle im Sandkasten vor dem Haus. «Nein, das ist meins!», ruft der zweijährige Daniel und zerrt an der Sandschaufel. «Will auch!», brüllt der gleichaltrige Marco. Vorbei ist es mit der sommerlichen Ruhe zu Hause. Ich sehe, wie die eben noch ins Gespräch vertieften Mütter aufspringen und die beiden Streithähne trennen. «Ob die jemals lernen, ihre Spielsachen zu teilen?», fragt die eine besorgt. «Ja, das werden sie bestimmt», denke ich.

Die Fähigkeit zu teilen steckt nämlich in uns allen. Diese «soziale Ader» muss sich aber erst entwickeln. Grosszügig zu sein lernt ein Kind am besten aus eigenen Erfahrungen. Leben Eltern vor, wie man teilt und Kompromisse schliesst, wird es für das Kind ein Leichtes sein, dieses Verhalten zu verinnerlichen. Doch dieser Prozess braucht Zeit.

Dass es unter Kleinkindern meist zum Streit kommt, wenn sie teilen müssen, ist entwicklungspsychologisch zu erklären. Kinder in den ersten Lebensjahren besitzen einen natürlichen Egozentrismus, den sie allmählich durch soziales Lernen überwinden. Zwischen einem und drei Jahren erleben sie ihr Umfeld als Teil ihrer selbst. Erst danach sind sie in ihrer Entwicklung so weit, den Sinn des Teilens zu begreifen. Vorher nützen Erklärungsversuche meist wenig. Eltern gehen deshalb am besten verständnisvoll und auch trickreich mit schwie­rigen Situationen um. Sie können es mit dem «Prinzip Abwechseln» versuchen. «Eine Weile spielt Marco mit der Schaufel und dann du», könnte Daniels Mutter vorschlagen. Eltern können aber auch die Streithähne beim Finden einer Lösung miteinbeziehen. Dreht sich der Streit etwa um einen Apfel, kann man zwei Lösungen anbieten: Der Apfel wird geteilt, oder das eine Kind bekommt den ganzen Apfel, das andere ein anderes Obst.

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Nur einmischen, wenn es sein muss

Kompromisse, die die Kinder selbst mit­entwickeln, übernehmen sie eher als Vorschläge der Grossen. Eltern tun also gut daran, sich möglichst wenig in Konflikte gleichaltriger Kinder einzumischen – es sei denn, es kommt zu bedrohlichen Handgreiflichkeiten. Kooperative Spiele, Geschichten und Bilderbücher zum Thema Teilen sind ebenso hilfreich wie der Ein­bezug der Kinder bei täglichen Aufgaben. Erfolgversprechend sind auch gemeinsame Überlegungen, was Kinder mit in die Spielgruppe nehmen und dort teilen können.

Ab etwa acht Jahren ist die Fertigkeit des Teilens gefestigt. Ob die Kinder sie dann im Alltag auch umsetzen, hängt von ihren Erfahrungen im sozialen Umfeld ab. Kinder, die immer das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, tun sich dabei erwiesenermassen schwerer als andere.

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Um die Buben im Sandkasten ist es mir da nicht bange. Der Streit mit der Schaufel war schnell beigelegt, dann wurde die Rutsche in Beschlag genommen. Die Buben quietschten vor Freude, die Mütter lachten entspannt, und ich konnte mich wieder meinem Buch widmen. So schön kann der Sommer auf Balkonien sein. Bis zum nächsten «Das ist meins!».

Nadine Engelking, Karin Schäufler: «Tilo teilt»; Mehr Zeit für Kinder, 2007, 28 Seiten, 19.90 CHF