Gelegentlich bitten mich Ratsuchende, ihr Anliegen vertraulich zu behandeln. Selbstverständlich, ohne Zustimmung werden keinerlei identifizierbare Fallbeispiele publiziert. Das hindert mich aber nicht daran, im Freundeskreis hie und da zu erzählen, was die Nation beschäftigt. So auch neulich, als ich alte Bekannte besuchen ging. Weil wir uns alle seit Jahren nicht mehr gesehen hatten, gab es viel zu erzählen – auch Berufliches.

Ich erzählte, dass sehr viele Eltern beim Beobachter anrufen, die in der Erziehung verunsichert sind. So werde ich beispielsweise oft gefragt, ob kein Gesetz festlege, wie lange Kinder abends draussen sein dürfen. Weil es kein solches Gesetz gibt, können sich die Eltern nicht hinter Paragraphen verstecken, sondern müssen sich der Auseinandersetzung stellen – genauso wie beim Aufräumen, Schlafengehen, Aufgabenmachen oder beim TV-Konsum.

Meist aber wollen Eltern wissen, wie sie ihre Kinder am besten erziehen, damit sie ihre intellektuellen, schöpferischen und körperlichen Fähigkeiten entfalten können und zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten sich selber, den Mitmenschen und der Natur gegenüber heranwachsen.

«Ach, Eltern meinen immer, sie könnten mit Erziehung positiv oder negativ auf ihre Kinder einwirken», seufzte da der Psychologe unter uns. Da müsse erst das Gegenteil bewiesen werden, antwortete die Gastgeberin. «Beweise dafür gibt es», sagte der Psychologe. «Du sprichst Bündner Dialekt, dein Mann Hochdeutsch – und trotzdem sagen eure Kinder ‹Giele u Meitschi›, seit ihr im Bernbiet wohnt.» Er vertrat die Ansicht der US-Psychologin Judy Harris, die vor einiger Zeit mit der Behauptung Furore machte, Eltern hätten keinen Einfluss auf die Persönlichkeit ihrer Kinder. Nicht die Familie, nicht die Erziehung, sondern Gruppen Gleichaltriger prägten das Wesen hauptsächlich.

Und plötzlich mag das Kind Spinat

Obs nicht ein bisschen gewagt sei, von der Sprache auf die Persönlichkeit zu schliessen, wollte ich wissen. «Sprache prägt die Persönlichkeit», sagte die Linguistin, die nie von Teilnehmern, sondern stets von Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen würde. Als weiteres Argument für Harris Theorie führte der Psychologe an, dass man ein Kind, das keinen Spinat möge, nur an einen Tisch setzen müsse, an dem Spielkameraden dieses Grünfutter essen. Kurz, die Eltern seien keine Vorbilder. Sonst würden sich die Kinder schliesslich auch wie Mama und Papa kleiden wollen.

Anzeige

Judy Harris Theorie baut darauf auf, dass der Intellekt und die Persönlichkeit eines Menschen ausschliesslich und zu gleichen Teilen aus der genetischen Anlage und ausserfamiliären Umweltfaktoren geprägt werden. Ein Beispiel: Wachsen zwei Adoptivkinder in derselben Familie auf, schneiden sie in Persönlichkeitstests so unterschiedlich ab wie Fremde – auch wenn sie 20 Jahre unter demselben Dach lebten, erklärt der Psychologe. «Wozu soll man denn die Kinder erziehen? Solche Theorien sind ja fast ein Freipass, Kinder verwahrlosen zu lassen», erwidert die Gastgeberin. «Mitnichten», entgegnet der Psychologe. «Deinen Mann behandelst du ja auch gut, obwohl du ihn nicht erziehst!» Also kann es nicht schaden, wenn Eltern Anstand, gutes Benehmen und Verantwortungsgefühl der Kinder nicht egal sind. Und schon gar nicht, mit wem sie sich ausserhalb der Familie rumtreiben.