Meine Eltern hatten es einfach: Mir blieb nichts anderes übrig, als den letzten Bus nach Hause zu nehmen. Der hielt um 22.53 Uhr direkt vor der Haustür. Heutzutage machen sich Kids um diese Zeit erst zum Ausgang bereit. Wäre ich heute Teenager, würde ich mit meinen Eltern wohl darüber streiten, ob der Ausgang mit dem ersten oder erst mit dem letzten Nachtbus enden muss.

Daran dachte ich, als mich der Vater eines knapp 16-Jährigen anrief und fragte, ob es Richtlinien gäbe, wann Jugendliche daheim sein müssen. Ja, die gibt es! In ein paar Schweizer Gemeinden haben die Behörden Ausgangssperren für Jugendliche verhängt. Solche Sperrstunden für alle sind juristisch gesehen kaum verhältnismässig und verfassungsrechtlich bedenklich. Ein Ausgangsverbot ist ein schwerer Eingriff in die persönliche Freiheit und stellt einen Eingriff in die Erziehungs­rechte der Eltern dar. Erstaunlicherweise wurde bislang nirgends gegen die amtlich verordnete Sperre geklagt. Wobei das nicht wirklich erstaunlich ist: Sind Ausgangs­zeiten gesetzlich geregelt, heisst das nichts anderes, als dass Eltern ihre Verantwortung bequem an den Gesetzgeber abgeben können. Wollen Kids wegbleiben, muss kein Machtwort gesprochen und nichts ausgehandelt werden. Es geht dann einfach «von Gesetzes wegen» nicht.

Ein Gesetz löst allerdings keine Erziehungsprobleme, und mangelndes elter­liches Durchsetzungsvermögen kompensiert es ebenso wenig. Soll es auch nicht. Wenn Eltern mit Halbwüchsigen nicht zurechtkommen, klopfen sie besser bei einer Beratungsstelle an, statt ihre Erziehungsverantwortung an den Staat weiterzureichen. Der Staat soll den Eltern nichts abnehmen diesbezüglich: Wie und wo sollen Teenager sonst lernen, mit Argumenten für ihre Bedürfnisse einzustehen, wenn das Gegenüber sich einfach auf ein Gesetz berufen kann?

Anzeige

Zurück im Morgengrauen?

Doch nicht allein über Ausgangszeiten sollen Eltern mit den Kindern diskutieren, sondern sie sollen auch die Gefahren des nächtlichen Ausgangs thematisieren. Einige Tipps:

  • Burschen sollen – wie Mädchen – lieber in Gruppen unterwegs sein als einzeln.

  • Niemand ist ein cooler Kerl, wenn er sich dem Gruppendruck beugt und die Wodkaflasche ansetzt oder zu Drogen greift. Cooler ist es, wenn man nicht alles mitmacht.

  • Wenn es zu brenzligen Situationen kommt, nimmt man besser Reissaus. Statt den Helden zu spielen, zückt man in sicherer Entfernung das Handy und wählt die Notrufnummer 117.


Ich hätte noch vieles aufzählen können, da unterbrach mich der Anrufende. So genau habe er das nicht wissen wollen. Er habe aus reinem Gwunder gefragt. In seiner Familie seien Ausgangsregeln nicht nötig. Seine Kinder würden ihm immer sagen, mit wem sie unterwegs seien, wo sie hingehen und wann sie nach Hause kommen. Zudem: Keines seiner Kinder wolle am Sonntagmorgen den Familienbrunch verschlafen. Und als hätte er meine Gedanken erraten, sagte er: «Glauben Sie bloss nicht, wir hätten bei uns daheim die heile Welt wie bei ‹Papa Moll›!»

Anzeige