Meine Schwester und ich: eine leidige Geschichte. Von Anfang an empfand ich sie als Störenfried und setzte alles daran, sie zu übertrumpfen und psychisch unter Druck zu setzen. Mit den Jahren versuchte ich, gegen meine Ablehnung anzukämpfen. So sehr ich aber in mich hineinhörte, ausser dem übermächtigen Verantwortungsgefühl der kleinen Schwester gegenüber empfand ich wenig. Bis zum heutigen Tag hat sich daran kaum etwas geändert.

Gestritten haben wir nie. Leider! Wenn ich heute meine Freundin mit ihren zwei Buben besuche, wirkt deren Streit auf mich befreiend. Sie sind in emotionalem Kontakt. Sie messen sich, und es kann auch mal in Handgreiflichkeiten ausarten. Das Geschrei ist oft herzerweichend. Aber: In der Regel vertragen sie sich nach kurzer Zeit wieder und verbünden sich gar gegen die Eltern, wenn sie unbedingt etwas zu ihren Gunsten erreichen wollen. «Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides», hat Kurt Tucholsky einst treffend formuliert. Meine Schwester und ich haben das nie hingekriegt. Doch sie bleibt meine Schwester, mein Leben lang.

Gleichgeschlechtliche Geschwister, die zeitlich kurz aufeinanderfolgen, rivalisieren nicht selten besonders intensiv. Sie verbringen zusammen viel Zeit und erleben sich als ähnlich gelagert. Gefühle von Benachteiligung und Frustration sind an der Tagesordnung. Manche Geschwister gebärden sich zeitweise wie Hund und Katz. Es scheint, sie streiten ununterbrochen, und zwar über jede Bagatelle. Geht es um Eifersucht, Rivalität oder einfach nur um den Spass am Streiten? Amerikanische Studien kommen zum Ergebnis, dass Geschwister im Alter zwischen drei und sieben Jahren dreieinhalbmal pro Stunde streiten. Im Alter zwischen zwei und vier Jahren sogar alle zehn Minuten. Oft ist nicht auszumachen, was hinter diesen ständigen Sticheleien steckt.

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Schwierige Frage: Wer hat angefangen?

Eltern können sich trösten und gewiss sein: Geschwister lernen voneinander, auch wenn sie sich stets in den Haaren liegen. Im Streit ergeben sich hervorragende Möglichkeiten, soziale Kompetenzen zu erwerben. Die Kinder sind gefordert, ihre Meinung zu vertreten, sich durchzusetzen, Kompromisse zu schliessen und sich wieder zu vertragen. In keiner anderen Kinderbeziehung ist es so leicht, sich gegenseitig zu verzeihen. Trotzdem ist es verständlich, dass sich Eltern manchmal verzweifelt fragen, wann sie ihre Kinder streiten lassen sollen und wann sie eingreifen müssen.

Meist kann nicht geklärt werden, welches der Kinder Schuld hat oder den Streit begonnen hat. Es ist kaum möglich, hier gerecht zu urteilen. Eltern tun deshalb gut daran, sich nicht einzumischen und es den Kindern zu überlassen, wie sie den Konflikt lösen. Ausnahmen sind: bewusste Provokationen in Anwesenheit der Eltern, Zerstörung von Gegenständen oder die Gefahr einer ernsthaften Verletzung.

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Es ist wichtig, keines der Kinder zu bevorzugen und bei jedem Sprössling seine Stärken hervorzuheben. Charakter und Persönlichkeitsstrukturen zu vergleichen ist kontraproduktiv. Denn auch wenn Geschwister sich scheinbar nicht ausstehen können oder nur wenig füreinander übrighaben: Gleichgültig waren und sind sie sich nie. Das gilt für alle – auch für mich und meine Schwester.