Zielstrebig bewegt sich eine kleine Hand in Richtung CD-Player. Ein schrilles «Nein, Finger weg!» lässt sie zurückschnellen. Ein Blick genügt, und der knapp zweijährige Severin versteht sehr wohl, was die Mutter will. Aber kaum unterhält sie sich weiter mit ihrer Freundin, greift er wieder nach dem Gerät. «Nein, nein, nein, lass das! Es geht kaputt!», ruft die Mutter genervt und klagt der Freundin ihr Leid mit dem unartigen Jungen, der einfach nicht auf sie hören will. Immer wieder müsse sie ihn zurechtweisen. Auch das Essen sei ein Spiessrutenlauf. Statt den Löffel zum Mund zu heben, matsche er ständig im Teller herum.

Tatsächlich ist es für Severin schwer nachvollziehbar, ob die Kritik der Mutter ihm persönlich gilt oder seinem Verhalten. «Verbote belasten das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern», sagt der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther. Gerade die Kleinsten können ein plakatives Nein noch nicht von der Kritik an ihrer Person unterscheiden.

Dabei käme Severin dem Wunsch seiner Mutter eher nach, würde sie zu ihm gehen, ihn verständnisvoll an der Hand nehmen und ihm vorschlagen, besser mit den Bauklötzchen zu spielen. «Verbote und Diktate, die emotionslos und distanziert ausgesprochen werden, nehmen Kleinkinder wie Geplapper wahr», so Hüther. Studien der US-Bindungsforscherin Mary Ainsworth belegen, dass jene Eltern auf Erfolgskurs sind, die mit den Kindern feinfühlig umgehen und ihre Bedürfnisse respektieren. Für Ainsworth hat das Kind nicht einfach zu gehorchen, sondern einzuwilligen. Es nimmt sich Gebote oder Verbote von einfühlsamen Eltern eher zu Herzen. Kleinkinder, deren Eltern viel verbieten und Drohungen aussprechen, nutzten hingegen jede Gelegenheit, sich über ein Nein hinwegzusetzen.

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Beschränken Eltern ihre Nein-Diktate auf ein vernünftiges Mass, werden die Jüngsten öfter «einwilligen» und das unerwünschte Verhalten nicht mehr zeigen. «Kindererziehung ist kein Leistungssport, sondern eine Konsequenz der Art und Weise, wie man in der Familie miteinander umgeht und das Kind als eigenständige Persönlichkeit in Würde respektiert», sagt auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Severins Mutter könnten folgende Tipps helfen:

  • Vermeiden Sie unnötige Konflikte, indem Sie zerbrechliche und kostbare Gegenstände ausser Reichweite Ihres Kindes aufbewahren.

  • Mit einer abwaschbaren Decke unter dem Kinderstuhl landet weniger Essen auf dem Boden.

  • Versuchen Sie, unerwünschtes Verhalten Ihres Kindes so oft wie möglich zu ignorieren. Ein Nein sollte nur in unvermeidbaren Situationen zum Zug kommen. Nimmt das Kind Ihren Wunsch auf, loben Sie es.

  • Selbstverständlich lässt sich ein Nein nicht immer vermeiden. Wenn es dazu kommt, verbinden Sie es mit einem Alternativvorschlag. Beispiel: Will Ihr Kind die Tulpen aus Ihrem gepflegten Gartenbeet ausreissen, zeigen Sie ihm eine Wiese, auf der es Blumen pflücken kann.

  • Am besten wirkt Ihr Nein, wenn Sie ruhig und eindringlich mit dem Kind sprechen und ihm dabei fest in die Augen schauen. Wichtig: Verzichten Sie auf lange Erklärungen.

Übrigens: Der Grundsatz «Eltern, die wenig verbieten, haben weniger zu verbieten» ist wissenschaftlich belegt.

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