Man möchte meinen, dass alle frischgebackenen Eltern ihr Baby intuitiv richtig verstehen und in jeder Situation sofort wissen, was zu tun ist. Das ist mitnichten so. «Die Kinder werden ja trotzdem gross», kann man sich denken. Dennoch würde es Mama, Papa und Kind viel Stress ersparen, wenn die Eltern verstünden, warum das Baby gerade schreit, sich abwendet oder keine Ruhe findet. Genau damit befasst sich ein neues Trainingsprogramm, das an der Universität Freiburg entwickelt wurde und bald an verschiedenen Orten der Schweiz angeboten werden soll (siehe Buchtipp). Das Programm bringt jungen Müttern und Vätern näher, wie sie die kindlichen Signale wahrnehmen und darauf richtig reagieren können. Sie werden in ihrem Feingefühl dafür gestärkt, wie sie die Bedürfnisse des Babys angemessen befriedigen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse stützen das Programm und machen zum Beispiel klar, dass man in den ersten Lebensmonaten auf jeden Fall unverzüglich auf das Baby eingehen sollte, wenn es schreit. Denn es verfügt noch über kein anderes Mittel, seine Bedürfnisse kundzutun. Wenn man es einfach schreien lässt, fühlt sich das Kind buchstäblich mutterseelenallein und verzweifelt fast. Es hat noch keine Ahnung davon, dass fünf Minuten eine kurze Zeitspanne sind – in seinem Empfinden dauern sie eine Ewigkeit. Studien belegen, dass die Angst vieler Eltern, ihr Kind durch sofortiges Reagieren zu verwöhnen, unbegründet ist. Im Gegenteil – erlebt das Baby, dass seine Eltern immer dann da sind, wenn es sie braucht, stärkt das sein Urvertrauen.

Legen Sie sich mal auf den Boden

Kinder, die häufig weinen und nur schwer zu beruhigen sind, brauchen nicht nur ein besonderes Feingefühl ihrer Bezugs­personen, sondern auch eine Extraportion Geduld und Anpassungsbereitschaft. Das heisst auch, dass man es nicht einfach nur richtig oder falsch machen kann, sondern dass man die individuelle Art jedes Kindes berücksichtigen muss. Die unterschiedlichen Eigenheiten werden nämlich zur Hauptsache in die Wiege gelegt und sind weder Schuld noch Verdienst der Eltern.

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Um Kinder jeden Alters besser zu verstehen, sollten wir ihre Perspektive einzunehmen versuchen. Wie sieht der Aktions­radius eines Babys aus? Was bedeutet es, wenn es zu krabbeln beginnt? Um das zu begreifen, wäre es tatsächlich sinnvoll, wir würden uns selber einmal auf den Boden legen. Und beobachten, wie es sich anfühlt, wenn der Partner den Raum verlässt und wir ihn weder sehen noch hören können.

Auch ältere Kinder, die vielleicht besonders ängstlich sind, brauchen viel Verständnis von unserer Seite. Aussagen wie «Hab doch keine Angst» sind sicher wohlgemeint, aber ungeeignet, ihnen zu helfen. Besser ist es, die Gefühle der Kinder zu «spiegeln» («Gell, du bist noch etwas un­sicher, dort allein hinzugehen?»), sie zu kleinen Schritten zu motivieren und öfter zu loben.

Und wenns nicht gleich klappt, braucht das Kind unsere Begleitung und Geduld. Oder ein magisches Element, wie etwa den kleinen unsichtbaren Engel auf der Schulter oder den kleinen Plastiktiger im Hosensack, die es beschützen und stärken.

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Buchtipp

Yves Hänggi, Kirsten Schweinberger, Meinrad Perrez: «Feinfühligkeitstraining für Eltern»; Verlag Hans Huber, 2011, 152 Seiten, CHF 45.90.–