«Du hast früher ja sicher nicht immer nur Apfelsaft getrunken?», fragt mein 16-jähriger Göttibub Raphael. «Nein, sicher nicht», antworte ich kleinlaut. Sofort fällt mir die legendäre Party bei meinem Schulfreund Thilo ein. Seine Eltern waren am Wochenende weg, und wir hatten sturmfreie Bude. Der Alkohol floss in Strömen, die Stimmung war grossartig. Legendär waren aber auch meine Kopfschmerzen am nächsten Tag.

Soll ich das jetzt zugeben, meine Autorität locker selbst untergraben? Gotte und Götti sind schliesslich auch wichtige Vorbilder. Allerdings nur, solange sie glaubwürdig bleiben. Ich erzähle also, wie ich dem Alkohol gefrönt habe – aber auch, wie übel mir tags darauf war.

Fachleute wissen: Erwachsene brauchen keinen künstlichen Heiligenschein, um Autorität zu markieren. Im Gegenteil: Wenn sie zugeben, dass sie früher auch über die Stränge geschlagen haben und dafür die Konsequenzen tragen mussten, wirken sie authentisch. Zugleich können die Kinder von ihren Erfahrungen profitieren. Jugendsünden sind nicht verwerflich. Sie haben sich auch nicht sehr verändert. Nur der Umgang mit ihnen ist ein anderer.

Wir haben als Jugendliche schon mal Äpfel aus Nachbars Garten geklaut, seine Blumen abgerissen oder den Zaun kaputtgemacht. Da gab es dann ermahnende Worte, und wir mussten als Wiedergut­machung bei der Obsternte helfen. Heute ist alles anonymer. Man spricht von Vandalismus und erstattet Anzeige.

Ehrlichkeit gilt für uns alle

Rund ein Drittel der Heranwachsenden lässt sich in der Pubertät zu strafbaren Handlungen hinreissen. Diese sollte man nicht verharmlosen – aber auch nicht unnötig dramatisieren. Sondern eindeutig dazu Stellung beziehen: «Klauen ist nicht in Ordnung.» Darum ist es wichtig, einen Diebstahl zu bestrafen. Um das glaub­würdig zu vertreten, müssen Erwachsene es mit der Ehrlichkeit ebenfalls genau nehmen. Stecken wir im Beisein unserer Kinder zu viel Wechselgeld, das die Kassiererin versehentlich herausgegeben hat, stillschweigend ein, wirkt es etwas seltsam, von ihnen Ehrlichkeit zu fordern. Auch wer mit seinen Jugendsünden prahlt, im Stil von «vor mir hatten sogar die Lehrer Angst», gibt den Sprösslingen den Freibrief zum Nachahmen.

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Die passende Gelegenheit für eine Beichte ergibt sich übrigens meist von selbst. Nämlich dann, wenn das Kind nachfragt. Aber sollen wir alles offenlegen? Nein. Zur Abschreckung ungeeignet sind Wahrheiten, die unerledigte Probleme geblieben sind. Mit dem Eingeständnis «Ich begann mit 14 zu rauchen und komme seither nicht mehr los. Fang bloss nicht damit an» ist ein Kind völlig über­fordert. Nur wenn es sich um Jugend­sünden im Sinne des Wortes handelt und wir das Problem längst verarbeitet haben, kann unser Geständnis ein Kind entlasten.

Entsprechend fällt dann auch der Kommentar meines Göttibubs Raphael aus: «Da bin ich aber froh, dass auch du kein Engel warst. Der Alkohol hat dir offenbar nicht geschadet, du bist nämlich heute echt cool.» Beweis genug, dass es vernünftig war, ihm von meinen Jugendsünden zu erzählen.

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Buchtipp

Lisa Seelig, Elena Senft: «Wir waren jung und brauchten das Gel. Das Lexikon der Jugend­sünden»; Verlag Fischer, 2011, 255 Seiten, CHF 14.90