Da wartet man jahrelang auf die ersten halbwegs gescheiten Sätze. Und kaum hat es das Kind endlich drauf mit dem Reden, sprudeln tausend Fragen aus ihm: «Warum schwimmt Eis? Weshalb haben Blumen grüne Blätter? Wieso fallen die Vögel nicht vom Baum, wenn sie schlafen?» Das kann ganz schön nerven – besonders wenn einem nichts Plausibles einfällt auf diese vermeintlich naiven Fragen. Doch schon das interessierte Zuhören allein kostet viel Ausdauer und Geduld. Am ehesten gelingt das, wenn man sich vor Augen hält, dass Kinder spielerisch die Welt entdecken und am besten durch viele Wiederholungen lernen.

Typische «Warum»-Fragen ergeben sich oft am Ende einer Kette von Fragen, die Kinder faszinieren. Sie gehen den Phänomenen auf den Grund und geben sich erst zufrieden, wenn sie auch eine Antwort erhalten haben. Dabei ist es ihnen egal, wie wichtig anderen diese Dinge sind. Alles, was ihre Aufmerksamkeit erregt, ist interessant. Alltagsfragen, aber auch philosophische Fragen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens beschäftigen Kinder sehr. Es gibt dabei keinerlei Tabus.

Die Kinder erwarten gar keine hochtrabenden und physikalisch korrekten Antworten. Schon kurze, klare, verständliche Ausführungen befriedigen ihre Wissbegier. Wenden sich Kinder nach einer Antwort abrupt ab, ist das ein untrügliches Zeichen, dass diese etwas zu kompliziert war. Sollte Eltern einmal keine Antwort einfallen, gilt die Devise: ehrlich zugeben, dass man das nicht weiss. Gemeinsam kann man überlegen, wie der Lösung auf die Spur zu kommen ist. Bei älteren Kindern ist auch ein Blick ins Lexikon hilfreich. Ausschlaggebend ist, dass sich Erziehende Zeit nehmen und genau zuhören.

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Bloss zustimmend nicken genügt nicht

Im Zentrum steht das aktive Zuhören. Diesen Begriff prägte der US-Psychologe Carl R. Rogers. Sein Fazit: Echtes Zuhören ist die Voraussetzung für jedes konstruktive Gespräch. Dabei versetzt man sich ins Gegenüber, schenkt ihm volle Aufmerksamkeit und hört nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Zwischentöne.

Kinder fühlen sich dann verstanden, wenn sie spüren, dass die Erwachsenen sich ihnen wirklich zuwenden – und nicht neben Kochen oder sonstigen Hausarbeiten zustimmend nicken, um das Gefühl zu vermitteln, Anteil zu nehmen und immer ein offenes Ohr zu haben.

Das heisst nicht, dass man alles stehen und liegen lassen muss, wenn Kinder etwas fragen. Es geht darum, klar auszudrücken: «Jetzt habe ich keine Zeit, dir zuzuhören. Aber wenn ich meine Arbeit erledigt habe, können wir uns in Ruhe hinsetzen und besprechen, was dir am Herzen liegt.» Das gibt den Kindern die Sicherheit, dass Warten und Sich-Gedulden lohnt. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass sie sich zusätzlich auch noch darin üben.

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Gelingt Eltern richtiges Zuhören und ehrliches Antworten, fühlen sich die Heranwachsenden anerkannt. Sie können auf die eigene Stärke und auf die Wertschätzung ihrer Umgebung vertrauen und selbstbewusst ihren Weg gehen.

Buchtipp: Martine Laffon, Hortense de Chabaneix: «Das Warum-Buch»; Verlag Knesebeck Von Dem, 2006, 92 Seiten, Fr. 26.90