Damals im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, lebte eine ältere Frau, die den Schädel ihres verstorbenen Mannes daheim auf dem Stubenbuffet aufbewahrte. Dass sie deshalb eine schrullige Alte war, fand ich als Kind gar nicht – erst heute, als Erwachsener, sehe ich das so. Damals sah ich diese Frau und ihren Totenkopf ganz unverkrampft. Und weil sie immer nur gut von ihrem verstorbenen Mann sprach, hatten der Tod und das Sterben für mich überhaupt keinen Schrecken. Ich beerdigte ganz gelassen unzählige Regenwürmer, Mäuse und andere tote Tiere. Ich wusste: Damit man jemanden in guter Erinnerung behalten kann, muss er zuerst mal auf die Welt kommen, eine Weile lang leben und dann halt irgendwann sterben.

«Totenstille, als der Bruder starb»

So einfach war das im Kindergartenalter mit dem Lieben, dem Leben und dem Sterben. Wir Kinder spielten «Beerdigung» und «Hochzeit» – vorurteilsfrei, kreativ und positiv. Ein absolutes Highlight war, als der Friedhof bei der Kirche umgestaltet wurde, alte Gräber freigelegt wurden und menschliche Überreste zum Vorschein kamen. Gruselig? Nein, überhaupt nicht. Wir waren fasziniert. Der Pfarrer und der Sigrist weniger. Der Friedhof war als Spielplatz fortan tabu für uns.

Weil Kinder keine Tabus kennen, sind sie von Sterben und Tod fasziniert – und wenn sie einen Todesfall erleben, haben sie viele Fragen. «In meinem Elternhaus herrschte Totenstille, als mein Bruder tödlich verunfallte. Es gab keinen Raum für Fragen», erinnerte sich eine Leserin, nachdem sie einen Artikel zum Thema im Beobachter gelesen hatte (siehe Artikel zum Thema). «Ich wurde in unbequeme schwarze Kleider gesteckt und musste ruhig sein und beten, damit der Bruder in den Himmel kommt», erzählte sie. Während die Eltern und andere Erwachsene in der Stille und im Gebet Hilfe fanden, blieben ihre eigenen Fragen und Anliegen ungehört. «Ich hätte gerne gewusst, wie mein Brüderchen im Himmel und gleichzeitig unter der Erde sein kann.» Es hätte ihr geholfen, wenn ihr jemand Fragen gestellt und mit ihr geredet hätte. Stille Trauer ist nichts für Kinder.

Ein anderer Leser schrieb, wie er als Kind den Tod seines Grossvaters verarbeitete respektive eben nicht: «Auf die Frage, warum der Grossvater tot sei, antwortete man mir, dass er gar nicht tot sei, sondern friedlich schlafe und eines Tages wieder auferstehe.» Was gut gemeint war, hatte fatale Folgen: «Ich fand es brutal, dass mein schlafender Grossvater in einer Holzkiste zwei Meter unter der Erde steckte. Das machte mir Angst. Sein ‹Auferstehen› erst recht. Und so verband ich Schlaf mit Tod und schlief aus Angst kaum noch ein.»

Auch er hätte den Todesfall besser verarbeitet, wenn die Fragen nicht tabuisiert, sondern ehrlich und authentisch beantwortet worden wären. Bereits kleine Kinder verstehen nämlich, dass jemand von der Welt gegangen ist und nur noch in der Erinnerung lebt. Doch selbst wenn jemand nicht mehr lebt, kann man noch mit ihm reden – er gibt bloss keine Antwort mehr. Und weil das Thema Tod und Sterben nicht für Kinder, sondern nur für Erwachsene ein Tabuthema ist, verstehen sie auch, wenn Antworten nicht aus Wissen bestehen, sondern wenn man mit ihnen Zweifel teilt: «Es könnte so oder so sein. Vielleicht auch ganz anders. Was glaubst du?»

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