Die elfjährige Sofie sitzt auf dem Ast der dicken Buche im Garten. Einmal ist sie arg gestürzt. Ihr Vater hat sie sofort getröstet, und dann war es wieder gut. Auf die Frage, ob sie glücklich sei dort oben, antwortet sie begeistert: «Ja. Da ist so ein Kribbeln im Bauch.»

Sollten Eltern Aktivitäten verbieten, bei denen Kindern etwas zustossen könnte? Nein! Kinder gehören nicht in Watte gepackt. Wesentlich ist, ihnen in schwierigen Situationen beizustehen. Erleben Kinder Negatives, werden wichtige Individualisierungs- und Reifeprozesse in Gang gesetzt. Dazu braucht es Eltern, die Zuversicht vermitteln, dass es bald wieder aufwärtsgeht.

Der dänische Pädagoge Jesper Juul nennt Mütter und Väter, die ihren Kindern alle Stolpersteine aus dem Weg räumen, «Curling-Eltern». «Sie bewirken in der Hoffnung, dass die Kinder dann glücklicher sind, leider oft das Gegenteil», betont er. Die Kleinen, von denen alles ferngehalten wird, werden eher unsicher, trauen sich wenig zu und lernen kaum, mit Frustrationen umzugehen.

Kinder haben das Recht auf Eigensinn, auf eigene Aktivitäten. Jedes Kind will etwas leisten und sich am Ergebnis freuen.

Wenn Kinder Leidvolles durchstehen müssen, sollten dann Eltern nicht wenigstens an Weihnachten all ihre Wünsche erfüllen? Nein! Kinder haben oft so viele Wünsche, dass es für sie wichtig ist, sich für den einen oder anderen zu entscheiden. Wunschzettel sind gut. Wenn Wünsche übrig bleiben, umso besser. Verzicht beziehungsweise die «verzögerte» Befriedigung der Bedürfnisse ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die Kinder machen müssen. Kinder, die sich gedulden und beherrschen können, sind in der Regel stabiler, glücklicher und auch erfolgreicher als jene, denen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird.

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Liebe schenkt Freiheit

Wichtig ist aber auch, dass Eltern ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst nehmen und ihr Kind nicht immerzu fragen: «Was willst du?», sondern ihm gelegentlich auch erklären: «Ich will, dass du…» Eltern glauben heute oft, Supermenschen sein zu müssen, die nicht wütend, traurig oder frustriert sein dürfen. Auch damit tun sie dem Kind nichts Gutes. Es lernt so nicht, mit Emotionen umzugehen. Authentische Eltern, die zu ihren Vorstellungen und Gefühlen stehen, fördern ihr Kind optimal.

Glückliche Kinder haben Eltern, die sie lieben und ihre Liebe im Alltag wie auch in Krisen zeigen. Liebe schenkt Freiheit und entlässt Kinder in die Selbständigkeit. Kinder brauchen Raum zum Wachsen und freie Bahn für ihre Entwicklung. Dazu müssen Eltern sie laufen lassen. Den Fünfjährigen etwa zum Bäcker, die Elfjährige ins Zeltlager, die verliebte 15-Jährige mit ihrem Freund ins Kino. Und es erweist sich: Kinder, die eigene Wege gehen dürfen, kommen gern zurück.

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Wichtig fürs Glücksempfinden sind auch die kleinen Rituale: Das kann das immer gleich ablaufende Weihnachtsfest sein oder eine warme Schokolade als Trostpflaster nach der verhauenen Mathe­arbeit. Jede Familie pflegt ihre eigenen Rituale. Sie geben Kindern das Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Glück. Und sind die Kinder glücklich und zufrieden, sind es auch die Eltern, oder?