Beobachter: Politiker fordern obligatorische Erziehungskurse für Eltern von aggressiven Kindern. Ist das sinnvoll?
Heidi Simoni: Mütter und Väter müssen sich mit dem Elternwerden und -sein beschäftigen können. Erziehungskurse sind dafür ein wichtiges Mosaiksteinchen. Will die Gesellschaft aber mündige Eltern, dann dürfen Kurse nicht darauf abzielen, die Eltern zu dressieren, damit diese wiederum ihre Kinder abrichten. Das macht Väter und Mütter nicht zu besseren Eltern.

Beobachter: Was ist nicht gut an solchen Kursen?
Simoni: Ihnen liegen kochbuchartige Konzepte zugrunde. Ich bin beunruhigt, wenn Politiker darauf abfahren. Auch in Kindertagesstätten gibt es diesbezüglich bedenkliche Tendenzen. Mancherorts werden lebhafte Kinder viel zu jung auf einen Time-out-Stuhl gesetzt.

Beobachter: Was lassen diese Kurse ausser Acht?
Simoni: Sie spiegeln den gesellschaftlichen Trend, Widersprüche zu beseitigen. Der Akzent wird beim Endziel «Gehorchen und Regeln einhalten» gesetzt. Was Kinder mit Ausprobieren und Üben alles lernen, wird ausgeblendet und ihr Verhalten falsch interpretiert. Dreht ein Kind - trotz Verbot - immer wieder an den Knöpfen der Stereoanlage, will es meistens herausfinden, wie das Ding funktioniert, und nicht die Eltern herausfordern. Unterbrechen diese konsequent jede Handlung, die sie stört, dann frustrieren sie das Kind ständig in seinem Forschungsdrang. Diese Dauerfrustration ist ein Motor für Aggression.

Beobachter: Also fördern die Kurse aggressives Verhalten, anstatt es einzudämmen?
Simoni: Manche ja. Kontraproduktiv ist zudem, Kinder als auffällig abzustempeln, wenn sie etwas noch nicht können. Meist haben etwa kleine Kinder, die nicht gehorchen oder mit dem Einschlafen Mühe haben, keine Störung, die behandelt werden muss.

Beobachter: Warum sprechen immer mehr Eltern auf solche Kurse an?
Simoni: Viele halten erstmals einen Säugling auf dem Arm, wenn es ihr eigener ist. Sie sind überfordert und suchen Orientierungshilfen. Aber Erziehungskurse sind erst dann unterstützend, wenn sie Eltern über die Entwicklung von Kindern informieren und sie darin begleiten, mit den komplizierten, verwirrenden Gefühlen des Elternseins umzugehen.