«Hast du dieses Schild nicht gesehen?», giftelte mich mein 13-jähriger Göttibub Louis wütend an, als ich kürzlich die neusten Lego-Bauwerke in seinem Zimmer bewundern wollte. Tatsächlich, da hingen Zettel an der Tür, auf denen in roten Lettern stand: «Eintritt verboten». Bisher freute sich Louis, mich zu sehen, auch wenn ich unangemeldet das Zimmer betrat. Dass ein Kind plötzlich Privatsphäre einfordert und niemanden einen Blick in Schubladen, Kästchen oder den Schrank werfen lässt, überrascht auch Eltern, brüskiert sie vielleicht sogar.

Doch so gern Eltern ihre Kinder unter Kontrolle haben: Sie sollten ihnen genügend Freiraum lassen. Wer Geheimnisse haben darf, kann sich besser eine eigene Meinung bilden, lernt eine Situation zu beurteilen. «Wenn ein Kind entdeckt, dass es etwas vor den Erwachsenen geheim halten kann, lernt es sich als unabhängiges autonomes Wesen kennen», sagt die Psychologin Ursula Nuber. Entwicklungspsychologisch haben Geheimnisse tatsächlich grosse Bedeutung für die Identitätsbildung und helfen dabei, soziale Kompetenzen zu erwerben. Etwas für sich zu behalten, nicht weiterzusagen oder im richtigen Moment aufzudecken sind Fähigkeiten, die Beziehungen und Freundschaften festigen können. Solche Geheimnisse schweissen zusammen und machen stark. «Sie sind Treibstoff im sozialen Gefüge einer Gruppe. Wer Geheimnisse besitzt, ist interessant und wichtig, wird bewundert, beneidet oder angefeindet», sagt auch die Erziehungswissenschaftlerin Elisabeth Flitner.

Manchmal müssen Eltern nachhaken
Gestehen Eltern ihrem Kind Geheimnis-Freiräume zu, ist das keineswegs ein Zeichen von Desinteresse. Natürlich dürfen Geheimnisse thematisiert werden. So lernt ein Kind, dass es schöne Geheimnisse gibt, die Spass machen und die im Bauch kribbeln, und andere, die ein ungutes Gefühl auslösen, sogar Angst machen und es deshalb nicht wert sind, dass sie geheim bleiben.

Wenn sich ein Kind aber verändert, es beispielsweise Schlafstörungen oder Schulschwierigkeiten hat oder Freunde und Familie meidet, kann man davon ausgehen, dass etwas wirklich nicht stimmt. Dann dürfen und sollten Eltern allfällige Geheimnisse ansprechen. Hat ein Kind das Gefühl, umsorgt zu sein und nicht nur aus Neugier ausgefragt zu werden, wird es sich öffnen. Vor allem dann, wenn es in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hat, dass die Eltern seine Privatsphäre respektieren.

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