Frage von Ralph Z.: «Wenn unser Sohn im Gymi eine Hausarbeit schreiben muss, trödelt er so lange herum, bis ihm die Mutter hilft. Ich finde, wir sollten strenger sein und ihn dazu zwingen, seine Arbeit rechtzeitig und selbständig zu machen. Meine Frau hält das für autoritär. Was meinen Sie?»

Beide Haltungen haben eine positive Seite, aber ebenso eine negative. Gut ist, dass Ihre Frau den Sohn nicht im Stich lässt, und fruchtbar Ihre Grundeinstellung, dass er seine Leistungen selbständig erbringen muss. Wenn die Mutter den Jungen mit ihrer allzu kräftigen Unterstützung dazu bringt, ihre Arbeit als seine auszugeben, stiftet sie ihn zu einer Unredlichkeit an, was ein schlechtes Verhaltensmodell abgibt: Hauptsache, man hat Erfolg, egal, ob mit lauteren oder unlauteren Mitteln. Ausserdem schwächt sie mit ihrem Verhalten sein Selbstwirksamkeitsgefühl. Dass er die Leistung nicht selbst erbracht hat, untergräbt sein Selbstbewusstsein. Falls mit Ihrer väterlichen Strenge und dem Zwang Strafen oder Strafandrohung gemeint sind, ist auch das unfruchtbar. Druck erzeugt Duckmäusertum oder Gegendruck.

Entscheidend ist das Menschenbild

Die Kontroverse um autoritäre oder antiautoritäre Erziehung war bekanntlich in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts aktuell und wurde es in den letzten Jahren wieder. Damals predigte man die antiautoritäre Erziehung, in jüngerer Zeit schwang das Pendel wieder in die andere Richtung.

Heute sind sich pädagogische und psychologische Fachleute weitgehend einig: Gute Erziehung besteht sowohl aus Zuwendung als auch aus Lenkung. Es braucht beides: klare Regeln und interessierte, stabile Zuwendung. In Ihrem Fall also ist es prima, wenn Ihre Frau oder Sie sich mit Ihrem Sohn hinsetzen und sich seine Hausarbeit erklären lassen. Es muss allerdings deutlich werden, dass es seine Arbeit ist und dass sie niemand anders für ihn schreibt. Das ist die klare Regel. Und dann soll er Fragen stellen und um die Hilfe bitten, die er braucht. So bleibt die Verantwortung für seinen Schulerfolg bei ihm und geht nicht auf die Mutter über. Vielleicht ist die Note dann nicht so gut, wie wenn die Mutter die Arbeit verfasst hätte, aber es ist seine Leistung. Das gibt ihm eben dieses Selbstwirksamkeitsgefühl, das seinen Mut und seine Zuversicht stärkt, neue Aufgaben anzupacken.

Anzeige

Erziehung beruht immer auf einem Menschenbild. Wenn man die Menschen in erster Linie für sündig und destruktiv hält, muss man das Böse aus ihnen herausprügeln, wie das früher in der schwarzen Pädagogik geschehen ist. Wenn man dagegen von der konstruktiven Natur des Menschen ausgeht, kann man Vertrauen haben, dass alle Kinder lernen, anerkannte Mitglieder unserer Gesellschaft werden und einen positiven Beitrag an diese Welt leisten wollen.

Die fünf Punkte der positiven Erziehung

Für Eltern, die Unterstützung suchen, halten Wissenschaftler ein Programm bereit, das ihnen helfen kann, auf einer solchen Basis zu erziehen (siehe «Weitere Infos»). Es heisst Triple P, von Positive Parenting Program. Auf deutsch bedeutet dies «Programm für positive Erziehung». Im Zentrum stehen fünf Grundsätze:

Die ersten zwei betonen, dass Kinder für ihre Entwicklung ein stabiles Interesse und viel Wertschätzung und Zuwendung brauchen. Eltern sollen also Anteil nehmen an der Welt ihrer Kinder, Leistungen anerkennen, aber auch zeigen, dass sie sie bedingungslos gern haben.

Der dritte Grundsatz unterstreicht die Notwendigkeit von Konsequenz. Liebe­volle Erziehung heisst nicht, alles durch­gehen zu lassen, das wäre Gleichgültigkeit. Es bedeutet, klare Regeln aufzustellen, deren Missachtung Konsequenzen hat.

Der vierte Grundsatz weist auf die Gefahr hin, dass man eigene Wünsche auf die Kinder projiziert und nicht wahrnimmt, wer sie eigentlich sind. Das kann dazu führen, dass man unrealistische Erwartungen an sie hat und sie damit überfordert.

Der letzte Grundsatz ergänzt, dass man als Eltern auch auf die eigenen Bedürfnisse Rücksicht nehmen muss. Gestresste Eltern sind schlechte Eltern.

Weitere Infos: www.triplep.ch