Diese Sorgen kann ich gut verstehen. Es gibt in Ihrem Schreiben tatsächlich Hinweise darauf, dass die Computerleidenschaft Ihres Enkels bereits ein ungesundes Niveau erreicht haben könnte. Trotzdem sollte man nicht vorschnell von einer Sucht sprechen. Die Schulschwäche und die Begeisterung für den Computer reichen dafür noch nicht aus.

Zu einer Sucht im klinischen Sinne gehören noch mehr Symptome: eine Vernachlässigung anderer Freizeitaktivitäten, eine Abnahme der Kontakte zu Freunden und der Eintritt einer gewissen Vereinsamung. Ein wirklich Betroffener hat die Kontrolle verloren: Einmal am Computer, kann er sich nicht mehr davon lösen. Heimliches nächtliches Spielen führt zu Schlafmangel und dann zu Nervosität und Konzentrationsstörungen. Aufhorchen sollte man auch, wenn jemand das Ausmass seines Konsums offensichtlich verharmlost oder herunterspielt.

Normale, aufgeweckte Kinder und Jugendliche nutzen heute den Computer ganz natürlich. In den letzten 15 Jahren hat sich ihre Welt grundlegend verändert. Gemäss repräsentativen Studien in Deutschland haben 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Zugang zum Internet, 45 Prozent sogar einen eigenen Anschluss. Positiv dabei ist, dass so ein spielerisches Erlernen des Umgangs mit diesem Medium stattfindet.

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Die Schattenseite ist das Suchtpotential, das das Internet eben auch hat. Beobachtet wurde diese Gefahr bei der Nutzung von Chat- und Kommunikationssystemen, Sexseiten, bei zwanghafter Suche nach Informationen und natürlich bei den Online-Games, die über das weltweite Netz zusammen mit andern gespielt werden.

Für die Online-Sucht gilt aber dasselbe wie für alle Süchte. Es gibt einen seelischen Hintergrund. Vorbeugend wirkt deshalb alles, was die Persönlichkeit stärkt. Grundsätzlich sind Sie also bereits auf dem richtigen Weg. Sprechen Sie weiter in Ruhe mit Ihrem Enkel. Ihre Zuwendung tut ihm gut. Reden Sie nicht nur über das Thema Computer, interessieren Sie sich für sein Leben, seine Erfahrungen und seine Probleme.

Klartext reden ist erlaubt

Sie dürfen durchaus auch deutlich Ihre Sorge ausdrücken, dass seine Spielleidenschaft seinen beruflichen Erfolg gefährden könnte. Geben Sie aber keine Ratschläge und üben Sie keinen Druck aus. So können Sie ihn am ehesten aufwecken und motivieren. Betonen Sie immer wieder, dass es um sein eigenes Leben und um seine Zukunft geht. Der Fehler der Mutter ist wohl, dass sie ungewollt zu viel Verantwortung für seinen Schulerfolg übernimmt. Wenn er dies spürt, fühlt er sich selber nicht mehr verantwortlich. Es ist äusserst wichtig, dass er versteht, dass es an ihm allein liegt, ob er sein Ziel, Informatiker zu werden, dereinst erreichen wird.

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Grundsätzlich fördert eine liebevolle Erziehung mit klaren Regeln und vor allem grossem Interesse an dem, was Kinder erleben, Kreativität und Selbständigkeit und ist damit bereits Suchtprävention. Wenn die Eltern auch noch als Vorbild zeigen, was man alles fern vom Bildschirm unternehmen kann, dann nimmt der Computer neben vielen andern Aktivitäten einen angemessenen Platz im Leben der Kinder ein und führt nicht zur Flucht aus der Realität in die Online-Sucht.

Buchtipps

  • Wolfgang Bergmann, Gerald Hüther: «Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien»; Beltz, 2008, 164 Seiten, Fr. 24.90

  • Sabine M. Grüsser, Ralf Thalemann: «Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe für Eltern»; Verlag Hans Huber, 2006, 120 Seiten, Fr. 26.90
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