Beobachter: Wie beurteilen Sie die Gesundheit der heutigen Kinder?
Remo Largo:
Mehrheitlich geht es ihnen gut. Ich habe jedoch den Eindruck, dass immer mehr Kinder darunter leiden, dass es ihren Eltern schlechter geht.

Beobachter: Warum das?
Largo:
Arbeit und Einkommen sind nicht mehr im gleichen Mass gesichert wie in den letzten dreissig Jahren. Das monatliche Einkommen ist für eine wachsende Zahl von Familien ungenügend; sieben Prozent der Familien leben unter dem Existenzminimum. Eltern aller sozialen Schichten leiden vermehrt unter einer diffusen existenziellen Verunsicherung und unter Stress. Auch das soziale Netz ist heute weniger tragfähig als früher.

Beobachter: Wie wirken sich diese Verunsicherungen und Ängste auf die Kinder und Jugendlichen aus?
Largo: Heutige Eltern sind erschöpft, weniger geduldig und weniger konfliktfähig. Sie setzen die Kinder schulisch vermehrt unter Druck: Sie halten gute Noten für eine entscheidende Bedingung, um in unserer Leistungsgesellschaft bestehen zu können. Manche Jugendliche fühlen sich unerwünscht und von der Gesellschaft ausgeschlossen: Sie sehen keine Perspektive.

Beobachter: Wie lässt sich dem Druck begegnen?
Largo:
Indem darauf geachtet wird, dass zwei Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen immer ausreichend befriedigt werden: das Bedürfnis, sich geborgen zu fühlen – und das Bedürfnis, sich sozial akzeptiert zu fühlen.

Beobachter: Das ist leichter gesagt als getan. Ist die Schweiz denn ein kinderfreundliches Land?
Largo:
Ein kinderfreundliches Land sein ist eine sozialpolitische Haltung, die Geld kostet. Die Frage ist: Was sind uns unsere Kinder wert? Stichwörter dazu sind: Mutterschaftsversicherung, Elternurlaub, kleine Schulklassen, Tagesschulen, gute Krippenplätze – konkret: Krippen mit gut ausgebildetem Personal in genügender Zahl. Wenn wir die Schweiz an solchen sozialpolitischen Massstäben messen, gehören wir im europäischen Vergleich zu den am wenigsten kinderfreundlichen Ländern.

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Beobachter: Das ist eine ziemlich pessimistische Einschätzung. Wie liesse sich die Situation verbessern?
Largo:
Frei nach dem Kabarettisten Karl Valentin: «Wir können die Kinder nicht zum Besseren erziehen, die machen uns eh alles nach.» Wir sollten uns weniger damit beschäftigen, was wir den Kindern beibringen und wie wir mit ihnen umgehen wollen. Stattdessen damit, wie wir uns selber verhalten, welche Vorbilder wir für unsere Kinder sind und welche Wertvorstellungen wir an sie weitergeben. Kinder brauchen keine «Starkmacher», sondern Eltern und Bezugspersonen, die ihre Erziehungsaufgaben so wahrnehmen, wie es die Natur vorsieht.

Beobachter: Was heisst das konkret?
Largo:
Eltern und andere Bezugspersonen wie Lehrerinnen und Lehrer gestalten die Umwelt des Kindes, ermöglichen ihm Lernerfahrungen und dienen ihm als Vorbilder. Entziehen sie sich diesen Aufgaben, weil sie keine Zeit oder kein Interesse haben, sucht sich das Kind die Erfahrungen und Vorbilder vorzugsweise am Fernsehen.

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Beobachter: «Stark sein» meint heute auch: stärker als die anderen. Was sagen Sie Eltern, deren Kinder nicht so «stark» herauskommen?
Largo:
Dem Kind möglichst viel an Fähigkeiten und Wissen beizubringen, garantiert nicht, dass es sein Leben erfolgreich meistern und – vor allem – glücklich sein wird. Jedes Kind ist mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet. Echte Stärke ist daher etwas Einmaliges, Individuelles.

Beobachter: Woran erkennen Sie ein «starkes Kind»?
Largo:
Am guten Selbstwertgefühl.

Beobachter: Und wie bekommt es das?
Largo:
Ein gutes Selbstwertgefühl ist das Resultat einer geglückten Erziehung. Deren wichtigste Komponenten sind: Das Kind kann im Laufe seiner Kindheit seine Begabungen bestmöglichst entwickeln – es lernt aber auch, seine Schwächen zu akzeptieren. Es kann weitgehend selbstbestimmt lernen und macht dabei die Erfahrung, dass es lernfähig ist und Problemsituationen selbstständig bewältigen kann. Zur inneren Stärke gehört auch die Grunderfahrung, dass sich das Kind geborgen fühlt und von den Eltern bedingungslos sowie von anderen Bezugspersonen und Gleichaltrigen überwiegend angenommen wird.

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