Es gibt einige Unternehmen, die vom prophezeiten Wirtschaftswachstum in diesem Jahr profitieren werden, etwa die Portemonnaieindustrie. Schliesslich brauchen wir alle grössere Brieftaschen, um all die Kunden- und Rabattkarten zu verstauen. Weil wir nicht blöd sind, wie uns ein Discounter versichert, sammeln wir fleissig Punkte und Märkli in allen möglichen Läden. Die Firmen freuts, denn sie wollen unser Geld und wir ihre Aufmerksamkeit und ihre Anerkennung - die wir in Form von Vergünstigungen, Boni und Rabatten prompt erhalten.

Genau wie wir Erwachsenen funktionieren auch Kinder und Jugendliche: Die kleinen Kunden achten genau darauf, welchen Vorteil ihnen welches Verhalten bringt. Nicht nur beim Tauschen von Fussballbildern oder beim Chrömle am Kiosk, auch und in erster Linie daheim im Elternhaus. Sich erziehen lassen ist für sie quasi ein Geschäft - es soll was rausspringen dabei. Sie erwarten für ihr Verhalten aber nicht in erster Linie Boni in Form von mehr Taschengeld, zusätzlichen TV-Stunden oder mehr Freiheit beim Ausgang und auch nicht Rabatte für das Helfen im Haushalt. Sie verlangen Anerkennung und vor allem Aufmerksamkeit.

Aber je älter die Kinder werden, desto schwieriger wird dieses Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht. Denn die Kids sind keine verlässlichen Partner mehr: «Mein 14-jähriger Sohn macht, was er will, ist unordentlich, hält sich nicht an Abmachungen, geht mir aus dem Weg, spricht nicht mehr. Ich kenne ihn kaum noch und weiss nicht mal mehr, was sein Lieblingsgericht ist. Wie soll ich ihm da noch Anerkennung entgegenbringen?», klagt eine Mutter im Erziehungsforum des Beobachters. Es handelt sich um den typischen Konflikt, wenn Jugendliche unabhängig werden wollen und die Eltern diesen Ablösungsprozess als Ablehnung missverstehen. In der Folge wird der Ton zu Hause härter, und die Jungen reagieren mit Verweigerung oder Trotz. Sie schweigen oder sind frech, räumen ihr Zimmer nicht auf, kommen zu spät nach Hause und finden ihre Eltern spiessig und peinlich. Dadurch erhalten sie keine Anerkennung mehr, aber umso mehr Aufmerksamkeit in Form von Schimpfen und Bestrafungen, was in gewisser Weise auch Lohn ist - wenn auch mit destruktivem Verlauf.

Keine billigen Tricks

Wie kommt man aus diesem Teufelskreis wieder heraus? Nicht mit Laisser-faire, denn ein solcher Erziehungsstil mündet in Gleichgültigkeit, Ratlosigkeit und Resignation. Die Zügel mehr anziehen? Nein. Autoritäre Methoden machen Kinder lustlos und unzufrieden und führen dazu, dass sie keinen Sinn mehr sehen und alles nur noch passiv ausführen. Demokratische Lösungen, bei denen gemeinsame Regeln aufgestellt werden? Vielleicht - sofern die Jungen dafür zu gewinnen sind. Erfolgversprechender ist, wenn zwischen Verhalten und Persönlichkeit unterschieden wird. Lob und Tadel sollen sachbezogen aufs Verhalten abzielen, und Aufmerksamkeit und Anerkennung sollen um der Persönlichkeit willen erfolgen: «Ich hab dich gern, aber die Sauordnung und das ruppige Verhalten sind inakzeptabel.» Schliesslich funktioniert Erziehung auf Dauer nicht wie im Supermarkt, wo mit billigen Tricks das gewünschte (Konsum-)Verhalten bestimmt wird.

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