Beobachter: Ihre Fachstelle hat zusammen mit der Kantonspolizei St. Gallen einen Leitfaden herausgegeben, wie man Kinder auf mögliche Gefahren vorbereitet, wenn sie allein unterwegs sind. Wieso brauchen Eltern dafür eine Anleitung?
André Baeriswyl: Der Leitfaden entstand, weil sich bei der Polizei Meldungen häuften, dass fremde Personen Schulkinder angesprochen hätten. Viele Eltern waren verunsichert. Denn grundsätzlich ist es immer eine Gratwanderung, Kinder zu warnen. Man will ihnen ja keine Angst ­machen, indem man ständig wiederholt, welche Gefahren überall lauern. Trotzdem sollten sie dafür sensibilisiert sein.

Beobachter: Und wie finden die Eltern die Balance auf diesem Grat?
Baeriswyl: Etwas vom Wichtigsten ist, dass man die Kinder sachlich auf mögliche Gefahren und bestimmte Verhaltensregeln hinweist und sie ermuntert, ihrem Gefühl zu folgen. Ein Kind muss wissen: Es darf Nein sagen und weggehen, wenn es sich in einer Situation nicht wohl fühlt, egal, weshalb. Auch, wenn es sich bei seinem Gegenüber um ­eine erwachsene Person handelt und auch, wenn es ein Stück weit gegen die Anstands­regeln verstossen sollte.

Beobachter: Wie weiss ein Kind denn, wann Anstand angesagt ist und wann es darauf pfeifen kann?
Baeriswyl: Kinder verfügen über eine gute Intuition. Aber sie sollten lernen, dass es keine falschen Gefühle gibt und dass sie ihren Empfindungen vertrauen können. Das müssen sie im Alltag erleben, zum Beispiel, wenn sie Küsschen von Verwandten «gruusig» finden. Dann sollten sie erfahren, dass es nicht schlimm ist, wenn ihnen das nicht gefällt, und dass es auch alternative Be­grüssungsformen gibt. Ebenso wichtig ist es, mit dem Kind zu besprechen, wann ein Nein nicht angebracht ist. Es sollte aber immer wissen, dass es nicht allein ist, dass es jederzeit zu den Eltern oder einer anderen Vertrauensperson kommen und erzählen darf, wenn es in eine unangenehme ­Situation geraten ist. Auch dann, wenn es eine Regel nicht eingehalten hat, beispielsweise nicht den vereinbarten Weg genom­men hat.

Beobachter: Regelverstoss klingt aber nach Schelte. Da schweigt manches Kind wohl lieber.
Baeriswyl: Nicht, wenn Eltern besonnen reagieren, aufmerksam zuhören und ihm glauben. Sie sollten es loben, dass es vom Vorfall erzählt hat, und sich erkundigen, was genau passiert ist. Dann erfährt es nämlich, dass es ernst genommen wird. Selbst wenn es etwas gemacht hat, was nicht den Abmachungen entspricht, ist in einem solchen Fall Lob angebracht, nicht Tadel. Es ist aber auch eine Gelegenheit, nochmals auf die Regeln aufmerksam zu machen und zu erklären, weshalb sie wichtig sind.

Beobachter: Was sind denn die wichtigsten Dinge, die ein Kind wissen muss, wenn es ohne Erwachsene unterwegs ist?
Baeriswyl: Es sollte zum Beispiel wissen, dass es Fremden keine Auskunft geben muss. Oder dass es ohne das Einverständnis der Eltern nicht in fremde Autos einsteigen darf. Es sollte auch wissen, dass es keine Geschenke von unbekannten Personen annehmen oder mit ihnen mitgehen darf – auch dann nicht, wenn die Person angibt, es im Auftrag der Eltern abzuholen. Und es sollte wissen, wo es Schutzinseln gibt. Das kann der Quartierladen sein oder ein Coiffeur­salon, die Post oder ein Kiosk. Kinder sollten solche Orte kennen und wissen: Da kann ich hin, wenn ich Angst oder ein ungutes Gefühl habe.

Anzeige

Beobachter: Angenommen, die siebenjährige Tochter kommt nach Hause und erzählt von einem Mann, der sie gefragt habe, wo die Post sei. Müssen da gleich die Alarmglocken klingeln?
Baeriswyl: Nein. Erst mal ist es wichtig, dem Kind zuzuhören und zu erfahren, was genau passiert ist. Hat der Mann es aufgefordert mitzugehen, ist es sicher gut, mit anderen Eltern zu sprechen und gegebenenfalls auch lieber zu früh die Polizei zu informieren als zu spät.

Beobachter: Sind nicht viele Eltern auch einfach über­ängstlich? Die meisten Übergriffe auf Kinder finden ja im engeren Umfeld der Familie statt.
Baeriswyl: Es stimmt, dass bei sexuellen Übergriffen weniger als 15 Prozent der Fälle aufs Konto von Fremdtätern gehen. Aber Angst ist sowieso ein schlechter Begleiter und überträgt sich auf die Kinder. Das ist kontra­produktiv. Ganz wichtig ist deshalb, dass man Kindern primär Lösungen aufzeigt, nicht Gefahren, und sie so stärkt.

Beobachter: Was heisst das konkret?
Baeriswyl: Man sollte sie nicht mit Horrorszenarien ängstigen, sondern mit ihnen nach Lösungen für bestimmte Situationen suchen. So können sie Selbstvertrauen entwickeln, erfahren Respekt und erhalten Handlungsmöglichkeiten. Sie kennen verschiedene Varianten zu reagieren. Und sie lernen, dass es nicht feige ist, Angst zu haben und wegzulaufen, dass sie eigene Persönlichkeiten sind – mit Grenzen, die sie selber bestimmen dürfen. Täter haben ein unglaubliches Gespür dafür, welche Kinder unselbständig und unsicher sind. Selbst­bewusste Kinder sind besser geschützt.

André Baeriswyl-Gruber, 48, ist Sozialarbeiter und leitet im Kinderschutzzentrum St. Gallen die Fachstelle «In Via», die sich der Beratung und der Begleitung gewaltbetroffener Kinder und Jugendlicher widmet.

Quelle: Thinkstock Kollektion
Anzeige

Weitere Infos

Leitfaden «Ihr Kind, alleine unterwegs – So schützen Sie es trotzdem!» (Version der Schwei­zerischen Kriminalprävention) zum PDF-Download

Buchtipps:

Gisela Braun, Dorothee Wolters: «Das grosse und das kleine Nein»; Verlag an der Ruhr, 2009, 20 Seiten, CHF 21.90 (für Kinder von 5 bis 7 Jahren)

Susa Apenrade: «Ich bin stark, ich sag laut Nein!»; Verlag Arena, 2008, 24 Seiten, CHF 19.90 (ab 4 Jahren)

Holde Kreul, Dagmar Geisler: «Ich und meine Gefühle»; Verlag Loewe, 2011, 36 Seiten, CHF 16.90 (ab 5 Jahren)

André Baeriswyl-Gruber, 48, ist Sozialarbeiter und leitet im Kinderschutzzentrum St. Gallen die Fachstelle «In Via», die sich der Beratung und der Begleitung gewaltbetroffener Kinder und Jugendlicher widmet.