Wer hat Ihnen denn eingeredet, Sie könnten nicht erzählen? Ich bin überzeugt, dass dies alle Menschen können. Vielleicht waren Sie in der Schule nicht gut im Vorlesen, oder der Lehrer war der Meinung, Ihre Aufsätze seien zu wenig fantasievoll. Grämen Sie sich deswegen nicht.

Falls Sie keine Geschichten erfinden können, halten Sie sich eben an eine Vorlage: Lesen Sie ein Mundart-Bilderbuch vor und sprechen Sie mit dem Kind zwischendurch auch über die Bilder. Oder übersetzen Sie einen hochdeutschen Text ins Schweizerdeutsche, was allerdings nicht ganz ohne Tücken ist. Einem Siebenjährigen können Sie aber auch einfache Geschichten auf Hochdeutsch vorlesen. Am leichtesten dürfte es sein, wenn Sie ein Kinderbuch fürs erste Lesealter wählen. Und bedenken Sie: Vor allem kleine Kinder lieben die Wiederholung. Das heisst, dass Sie nicht laufend etwas Neues bieten müssen.

Uralte Form zwischenmenschlicher Kommunikation
Geschichtenerzählen ist eine uralte Kommunikationsform. Seit Tausenden von Jahren geben die Menschen mündlich Mythen, Sagen und Märchen weiter. Im Unterschied zum Fernsehfilm oder zur Tonkassette ist das Erzählen mit zwischenmenschlichem Kontakt verbunden. Es ist ein Ritual, das Zuhörer und Erzähler verbindet. Der Erzähler kann seinen Vortrag der Situation anpassen: beschleunigen, wenn der Zuhörer gelangweilt ist; Spannung aufbauen, wenn die Zuhörerin neugierig wird; Gefühle transportieren, indem man die Stimme moduliert und die Mimik spielen lässt.

Für Kinder sind Geschichten besonders wichtig, weil sie die Fantasie anregen und Wissenswertes über das Leben vermitteln. Gruselgeschichten beispielsweise, die gut enden, dienen der Angstbewältigung. Ausserdem erhalten die Kleinen ein Gefühl der Geborgenheit, wenn Mutter oder Vater regelmässig etwas erzählen. Eine besonders geeignete Zeit dafür ist die Viertelstunde vor dem Einschlafen.

Wer es nicht schafft, selber etwas vorzulesen, sollte zumindest Kinderkassetten oder -videos mit den Sprösslingen anschauen. Auch das ist besser, als sie mit einer Kassette abzuspeisen. Das eine schliesst das andere allerdings nicht aus, denn der Hunger nach Geschichten ist mit einer täglichen Viertelstunde nicht gesättigt.

Wer beim Vorlesen und Geschichtenerzählen zwischendurch seinen Kindern in die grossen Augen schaut, erfährt selber eine grosse Freude. Erzählen bringt folglich nicht nur den Kleinen etwas, sondern auch den Grossen.

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