Frage: «Unser Sohn war als Kind so anhänglich und lieb. Seit er in der Oberstufe ist, wird er immer wilder. Er ist dauernd unterwegs, jedes Wochenende gehts ins Jugi. Uns beunruhigt dieser Wandel.»

Diese Sorgen kann ich verstehen, darf Sie aber gleichzeitig insofern beruhigen, als die Entwicklung Ihres Sohnes der Norm entspricht. Das Jugendalter ist eine Zeit der Unruhe. Das muss so sein, denn es geht um Ablösung und Neuorientierung, um Aufbruch in die Zukunft als Erwachsener. Jugendliche sind reizhungrig, wollen sich, andere und die Welt intensiv spüren und zumindest kleine Abenteuer erleben.

Natürlich ist es wichtig, dass sie den Kick nicht in Drogenerfahrungen, Schlä­gereien oder im Rasen suchen. Sport all­gemein dagegen und Fun-Sportarten im Besonderen sind als Herausforderungen geeignet. Discobesuche und Rockkonzerte gehören selbstverständlich auch ins Programm. Im Wandel vom Kind, das Geborgenheit braucht, zum Jugendlichen, der die Herausforderung sucht, zeigt sich ein typisches Muster des menschlichen Verhaltens.

Verschiedene Motivationen

Norbert Bischof, ehemals ­Psychologieprofessor an der Universität Zürich, hat sich intensiv mit dieser Polarität beschäftigt. Im sogenannten Zürcher Modell hat er seine Erkenntnisse dar­gestellt. Menschen haben zwei Motivationssysteme. Ein erstes sucht Nähe und Geborgenheit, ein zweites Reize und Aufregung. Ziel des ersten ist Sicherheit, Ziel des zweiten Erkundung und Expansion.

Beides war für das Über­leben in den Jahrtausenden unserer Geschichte nötig. Um nicht von wilden Tieren getötet zu werden, um Feinden zu entgehen, war es wichtig, in der Nähe der Familie, des Clans, des sicheren Verstecks zu bleiben. Die Entdeckung neuer Siedlungs­gebiete, der Erwerb neuer Kulturtechniken, die Entwicklung von Wissenschaft und Technik brauchten den Geist des Abenteuers, die Neugier, die Lust an der Aufregung.

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Als steuernden Faktor nennt Bischof das Autonomiesystem. Das Kleinkind braucht Sicherheit und Nähe. Ist diese einmal da, lässt sich schon früh die Lust an der Entdeckung erkennen. Kleinkinder, die kaum gehen können, entfernen sich jauchzend von der Mutter, um wie an einem Gummiband immer wieder zu ihr zurückzukehren. Je stärker die Autonomie­strebungen werden, desto mehr schwächt sich das Bedürfnis nach Nähe ab und desto grösser wird die Abenteuerlust. Nur logisch also, dass im Jugendalter Letztere im Vordergrund steht.

Spannend wird es auch, wenn man das Modell auf Partnerschaften anwendet. Eigentlich möchten wir doch beides. In der Zweisamkeit geborgen sein, aber bitte keine Langeweile. Doch gerade Letztere kann sich breitmachen, wenn wir allzu viel Wert auf Harmonie legen. Auch gute sexuelle Begegnungen brauchen Spannung. In einer lebendigen Partnerschaft müssen sich also Vertrautheit und Fremdheit die Waage halten, und die Autonomie jedes Einzelnen darf nicht verloren gehen.

So hält die Spannung in der Partnerschaft

  • Anerkennen, dass gegenseitiges wortloses Verständnis und symbiotische Gefühle ein Geschenk der ersten Verliebtheit sind und nicht jahrelang anhalten müssen.

  • Dem Partner gegenüber kein völlig ­offenes Buch sein, sondern durchaus das eine oder andere Geheimnis bewahren.

  • Auf Unterschiede im Wesen und Verhalten achten und sich darüber freuen, statt zu erwarten, dass die oder der andere denkt, handelt und fühlt wie wir.

  • Auch einmal etwas in reinen Frauen- oder Männergruppen ­unternehmen. Das stärkt die Geschlechtsidentität und intensiviert die Begegnung in der Partnerschaft.

  • Solidarität und Echtheit pflegen, damit auch immer wieder seelische Nähe und gegenseitiges Vertrauen entstehen.

  • Intensive körperlich-sexuelle Begegnungen geniessen.
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